Ein Glücksfall für die Medien - und für die Kirche?
Wolfgang Huber steht nun als EKD-Ratsvorsitzender an der Spitze der 26,5 Millionen Protestanten in Deutschland
 Foto:
epd-bild
 Der Berliner Bischof Wolfgang Huber erhielt bei seiner Wahl zum Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland 121 von 135 Stimmen.
|
Kaum war der Berliner Bischof Wolfgang Huber zum neuen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland gewählt worden, tat er das, was die meisten seiner Wähler wohl von ihm erwarten: Er kommentierte vor Radiomikrofonen die Sozialreformen der Regierung, dozierte vor Fernsehkameras zu bioethischen Fragestellungen und diktierte Zeitungsreportern seine Position zum Kopftuchstreit in die Notizblöcke. Prägnant formuliert, geschliffen im Stil, überzeugend in der Argumentation.
Nachdem Huber bereits seinen Einstand in den sonntagabendlichen Talkshows absolviert hat, ist man versucht zu sagen: ein Glücksfall für die Medien. Ist der neue Ratsvorsitzende aber auch ein Glücksfall für die Kirche? Zu glatt, zu kühl wirkt Huber manchmal. Von brilliantem Geist, aber ohne geistlichen Tiefgang, ein scharfsinniger Prediger, aber keiner, der die Herzen erreicht.
 Foto:
epd-bild
 Der bayerische Bischof Johannes Friedrich (rechts) wurde mit 108 Stimmen erneut in den Rat der EKD gewählt.
|
Zunächst: Huber hat alle Qualitäten, um im politisch-gesellschaftlichen Diskurs der evangelischen Kirche mehr Gewicht zu geben. Er hält es für geboten, dass sich Protestanten auf der Grundlage ihrer christlichen Überzeugungen in der Gesellschaft engagieren. Die Kirche solle dabei jedoch nicht als ein politischer Akteur unter anderen agieren, »sondern mischt sich um Gottes Willen politisch ein«, sagt er.
Als Hauptstadt-Bischof steht er an der Schnittstelle von Kirche und Gesellschaft, von Ost und West. Gerhard Schröder, der ihn in den Nationalen Ethikrat berief, hatte bisher mit Hubers Standpunkt zur Biotechnologie nicht viel Freude. Der Berliner Bischof vertritt eine klare Position zum Schutz des Lebens. Er hat sich stark für Asylbewerber eingesetzt und für den Religionsunterricht in Berlin und Brandenburg gekämpft. Im Streit um Kopftücher islamischer Lehrerinnen hat sich Huber gegen das Tragen in der Schule ausgesprochen.
Wie sein Amtsvorgänger Kock hält auch Huber die Reform des Sozialsystems mit Einschnitten bei den Leistungen für nötig. Dabei müsste die Kirche die Auswirkungen auf die Betroffenen im Blick haben und auf der Seite der Schwächsten stehen, fügt er hinzu.
Der neue Ratsvorsitzende leitet seit 1994 als Bischof die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg. Zuvor lehrte er Theologie in Heidelberg und war Präsident des Kirchentages. In der Friedensbewegung der 80-er Jahre kämpfte er gegen die NATO-Nachrüstung, in diesem Jahr gegen den Irak-Krieg. Auf eine Bundestagskandidatur für die SPD verzichtete er 1993 und zog sich mit der Bischofskandidatur aus der Parteipolitik zurück.
Seine »linke« Vergangenheit wird ihm von evangelikalen und konservativen Kräften in der EKD nicht mehr vorgehalten, seit er sich öffentlich für eine missionarische Kirche stark macht. Auch in den ersten Interviews nach seiner Wahl hat es Huber nicht versäumt, für eine missionarische Ausrichtung der Kirche zu werben. Seine Forderung, die Kirche müsse zu den Menschen gehen, wenn diese nicht mehr zur Kirche kommen, klingt dabei jedoch nicht sehr frisch.
Noch ist nicht erwiesen, ob sein Bekenntnis zur Mission nur wahltaktischen Ursprungs war, ob Huber damit seine Wahl auch für konservative Synodale möglich machte. Genauso bedauerlich wäre ein Bekenntnis zur Mission, nur um den Stellenwert der Kirche als Organisation zu sichern. Aber zum Nachweis seiner Ernsthaftigkeit hat Huber nun ja sechs Jahre Zeit. |