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Dieser Artikel: Ausgabe 46/2003 vom 16.11.2003
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Die Wunden schmerzen immer noch

Eine Reise zu Soldatenfriedhöfen in Finnland und Norwegen


Der deutsche Soldatenfriedhof in Narvik.
Foto: Volksbund
   Der deutsche Soldatenfriedhof in Narvik.

Ein Gebinde aus rosa Plastikblumen schmückt den Grabstein eines jungen Mannes auf dem deutschen Soldatenfriedhof von Helsinki-Hokanummi. Knapp 22 Jahre war er, als er starb. Das kleine Gesteck hat jemand zum Jahrestag seines Todes über seinem Namen befestigt. Mit lila Glitter überzogen, glänzt es in der Spätsommersonne, ein rührend kitschiges, ganz unmilitärisches Zeichen jahrzehntelanger Trauer.

Wie sieht der Tod eines Soldaten aus? Otl Aicher, ein enger Freund der Widerstandskämpferin Sophie Scholl und Ehemann ihrer Schwester Inge, hat als junger Gefreiter der Wehrmacht die Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs gesehen und sie in seiner Autobiographie »Innenseiten des Kriegs« beschrieben: »Ein toter ist ein toter. das hier waren keine toten. sie hatten keinen leib. sie waren ein gemisch aus kleiderfetzen, erde, dreck, blut, fleisch und geschwollener haut. sie waren nicht entschlafen, sie waren krepiert ... der krieg lässt nicht zu, dass der mensch als mensch sein leben beendet.«

Ein Grabstein gibt dem Toten seine Individualität zurück, hält die Erinnerung an sein Menschsein wach. Heldengedenken ist fehl am Platz auf deutschen Soldatenfriedhöfen. Sie sollen zum Frieden mahnen und Orte bieten für individuelle Trauer: Denn die Wunden schmerzen immer noch, in vielen Familien.

Noch heute zieht es die Menschen an die Gräber ihrer Kriegstoten, auch die Enkelgeneration will über die letzte Ruhestätte ihrer Großväter Bescheid wissen, sagt Gerd Krause, der Landesgeschäftsführer des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Landesverband Bayern. 372 deutsche Soldaten aus den Weltkriegen liegen auf dem von großen Feldformationen durchsetzten Waldgelände in der finnischen Hauptstadt. Die Grabsteine verraten nicht mehr als die Namen und die - meist erschreckend kurzen - Lebensdaten.

Während in den südlichen Ländern der Stein den Friedhöfen ihr Gepräge gibt, drückt ihnen im Norden die vielgestaltige Natur den Stempel auf. Der deutsche Soldatenfriedhof Rovaniemi-Norvajärwi in der Hauptstadt Lapplands liegt auf einem in den Norvasee vorspringenden Waldstück, unter Bäumen, dicht am Wasser. Die 2509 deutschen Gefallenen, die der Umbettungsdienst des Volksbundes aus den finnischen Provinzen Lappland und Oulu geborgen hat, ruhen in einem aus roten Granitquadern gefügten Gruftbau. In der Eingangshalle steht eine Plastik der Hamburger Künstlerin Ursula Querner, »Mutter und Sohn«. Langsam, unter Qualen scheint das Leben aus den langgestreckten Gliedmaßen, aus dem ausgemergelten Brustkorb des toten Sohnes entwichen zu sein, der starr wie ein Kruzifix auf den Knien seiner Mutter liegt. Auch die Figur der Mutter wirkt versteinert, ausgezehrt - so, als sei der Tod des Sohnes auch der ihre.

Über 200000 Soldaten sind während des Zweiten Weltkriegs in Skandinavien und an der Front zwischen Finnland und Russland gefallen. Nachdem die deutsch-finnische Waffenbrüderschaft nach dem Waffenstillstand der Finnen mit den Sowjets zerbrochen war, sprengten die Deutschen beim Rückzug aus Lappland nicht nur Brücken, Straßen und Flugplätze, sondern auch sämtliche Wohnstätten. 1944 explodierte ein deutscher Munitionszug in Rovaniemi und zerstörte die damals nur aus Holzbauten bestehende Stadt.

Anders als Finnland war Norwegen bis zum Kriegsende von Deutschen besetzt. Um den Plänen der Briten, den deutschen Erznachschub über die nordnorwegische Küstenstadt Narvik zu unterbinden, zuvorzukommen, überfielen die deutschen Truppen das Land am 9. April 1940. Der Widerstand der Norweger begann am ersten Tag der deutschen Besatzung und war ausdauernd und heldenhaft. Gegen Ende der Besatzungszeit waren rund 40000 Norweger in KZ-Haft, 900 jüdische Bürger wurden deportiert, 768 davon ermordet.

Heute liegen die deutschen Gefallenen auf dem Soldatenfriedhof von Narvik in unmittelbarer Nähe der Gräber von französischen, norwegischen, englischen und polnischen Soldaten. Ihren Gräbern sieht man nicht an, ob sie gezwungen oder freiwillig einem verbrecherischen Regime dienten. Der Tod im Krieg, so findet der Volksbund, macht alle zu Opfern: Aggressoren und Überfallene, einfache Soldaten und überzeugte Nazis der Waffen-SS gleichermaßen.

Für den Schriftsteller Uwe Timm ist das nicht so einfach. In seinem Buch »Am Beispiel meines Bruders« ruft er die Erinnerung an seinen Bruder Karl-Heinz wach, der neunzehnjährig als Angehöriger der SS-Totenkopfdivision in der Ukraine gefallen ist. Es beschreibt die Trauer in einer Familie der Kriegsgeneration: lähmende Trauer, in der die Frage nach Schuld und Mitverantwortung keinen Raum hatte.

Uwe Timm zitiert Briefe aus dem Lazarett, hilflose, morphiumgetränkte Zeilen eines Sterbenden. Er zitiert Briefe an ihn selbst, das Brüderchen zu Hause, geschrieben wenige Wochen vor dem tödlichen Panzerbüchsenschuss: »Was machst du denn den ganzen Tag? Brombeeren futtern, was? Lass sie Dir nur gut schmecken.« Das Kriegstagebuch von Karl-Heinz, flüchtig hingeworfene Bleistiftnotizen, lässt der Hoffnung Raum, dass er wenigstens nicht an der Ermordung von Zivilisten beteiligt war. Doch die Schlaglichter aus dem normalen Soldatenalltag sind grausam genug: »Brückenkopf über den Donez. 75 m raucht Iwan Zigaretten, ein Fressen für mein MG.«

55 Millionen Tote mahnen: Der Zweite Weltkrieg wurde nicht nur von einer kleinen Herrscherclique geführt, er war auch keine Naturgewalt, die unterschiedslos jeden trifft, egal ob Opfer oder Täter. Soldatengräber dürfen nicht zu Orten der Verdrängung werden, sie müssen die Wunden offen halten, auch die quälenden Fragen.

Brigitte Kohn

 


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abgerufen 08.02.2012 - 23:44 Uhr

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