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Dieser Artikel: Ausgabe 46/2003 vom 16.11.2003
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Wo Heldengedenken fehl am Platz ist

Volkstrauertag

Von Wigant Weltzer

Mit einer Million Toten gehört die Belagerung Leningrads durch die Wehrmacht zu den grauenvollsten Kapiteln des Zweiten Weltkriegs. Rechtzeitig vor den Jubiläen zum 60. Jahrestag der Befreiung der Stadt im Januar 1944 wurde nun eine Gedenkstätte an die Bevölkerung übergeben. Die Kirche Mariä Himmelfahrt bei Sologubowka birgt auch einen Gedenkraum für alle deutschen Kriegstoten in Russland.

Die Kirche von Sologubowka
Foto: Weltzer
   Rechtzeitig vor dem 60. Jahrestag der Befreiung Leningrads feierlich eröffnet: die Kirche von Sologubowka

Mir gegenüber sitzt ein russischer Veteran. Andrej ist 78 Jahre alt wie ich. Es könnte sein, dass wir vor 60 Jahren aufeinander geschossen haben. Zwei 18-Jährige. Ich auf Seiten der Deutschen Wehrmacht, er als Soldat der Roten Armee. Wir haben den Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs überlebt und glauben an die Versöhnung. Nein, es ist mehr: Wir erleben Versöhnung.

Hier in Sologubowka bei St. Petersburg feiern wir die Übergabe der restaurierten Kirche Mariä Himmelfahrt an die Bevölkerung. Die Kirche ist ein Symbol des Friedens in einer Gegend Russlands, die zu den grausamsten Schauplätzen des Zweiten Weltkriegs gehörte.

Ab September 1941 war Leningrad, wie St. Petersburg früher hieß, vom Belagerungsring der Wehrmacht eingekesselt, vom Rest der Sowjetunion abgeschlossen. Beinahe drei Millionen Menschen waren eingeschlossen. Während 42 deutsche Divisionen von Süden und Osten vorrückten, stießen verbündete finnische Truppen von Norden vor. Die Erstürmung Leningrads - das ausgegebene strategische Ziel für die Heeresgruppe Nord zu Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion - wurde jedoch von Hitler abgebrochen. Statt zäher und verlustreicher Straßenkämpfe befahl er die Belagerung der zweitgrößten sowjetischen Stadt, um die Bevölkerung auszuhungern.

32000 deutsche Soldaten liegen auf dem Friedhof von Sologubowka begraben.
Foto: Weltzer
   Sie sucht auf einer Stele nach Namen. 32000 deutsche Soldaten liegen auf dem Friedhof von Sologubowka begraben.

Nahezu ununterbrochen war Leningrad in den folgenden Wochen dem Beschuss deutscher Artillerie und der Bombardierung der Luftwaffe ausgesetzt. Verteidigt wurde die Stadt von 30 Divisionen der Roten Armee, die unter Beteiligung von nahezu einer halben Million Einwohner stark befestigte Stellungen, Barrikaden und Panzersperren errichtet hatten. Bei der Verteidigung Leningrads setzte die Rote Armee erstmals den gefürchteten Geschosswerfer »Stalinorgel« ein.

Mangelerscheinungen, Seuchen und Krankheiten bestimmten den Alltag der eingeschlossenen Leningrader. 450 Gramm Brot täglich erhielt ein Arbeiter zu Beginn der Blockade für seine Lebensmittelkarte, zwei Monate später nur noch die Hälfte. Katzen, Hunde und Ratten dienten ebenso als Nahrung wie Rinden oder essbares Sägemehl. Zehntausende starben jeden Monat an Hunger. Zu den Entbehrungen kamen im Winter Temperaturen von minus 40 Grad. Die Leichen der Erfrorenen, an Hunger und Erschöpfung Gestorbenen oder an der Front Gefallenen türmten sich an den Stadträndern. Erst mit Beginn des Tauwetters erlaubte der gefrorene Boden die Bestattung in Massengräbern.

Dem täglichen Überlebenskampf fielen bis Ende Januar 1944 zwischen 800000 und eine Million Einwohner zum Opfer. Ein unvorstellbares Grauen.Und doch fiel die Stadt nicht in die Hände der Deutschen. Wäre dies geschehen, wäre sie untergegangen, denn Hitler wollte die totale Zerstörung. Am 18. Januar 1944 wurde Leningrad von der Roten Armee befreit.

Vater Wjatscheslaw, Priester von Sologubowka
Foto: Weltzer
   Vater Wjatscheslaw, Priester von Sologubowka

Der Kirche Mariä Himmelfahrt von Sologubowka kam bei der Belagerung eine strategische Rolle zu. Bis 1917 diente das Gebäude als Gotteshaus, wurde dann nach der Oktober-Revolution als Speiseraum eines Fliegerclubs benutzt. Ihr letzter Priester war von der sowjetischen Geheimpolizei NKWD als Volksfeind verhaftet und erschossen worden. Während des Krieges fungierte die nahe der Front gelegene Kirche als Hauptverbandsplatz und Feldpostdienststelle der deutschen Wehrmacht, während ein Nebenraum für gottesdienstliche Zwecke genutzt wurde. Weil man befürchtete, dass die Kirche wegen ihrer Lage in Frontnähe der sowjetischen Artillerie als »Zielmarke« dienen könnte, beschloss man, den Turm nicht, wie es sonst üblich war, zu sprengen, sondern abzubauen, weil man die Gefühle der wenigen Gläubigen, die noch im Ort waren, schonen wollte. Eine Pioniereinheit hat ihn abgetragen. Nach dem Krieg lagerte man in der Kirche Mineraldünger, und als die Gemeinde die Kirche 1992 nach der Sowjetherrschaft neu erstand, war sie verfallen und total verwahrlost. Aus der Ruine wuchsen Bäume und Sträucher. Während des Kriegs wurde für einige Hundert der bei Mag und Schlüsselburg gefallenen deutschen Soldaten in der Nähe der Kirche ein Friedhof angelegt. Inzwischen sind rund 32000 Opfer der Kämpfe von 1941 bis 1943 aus dem Raum Leningrad exhumiert und hier beigesetzt worden. In Zukunft werden es bis zu 80000 sein, womit dann der Friedhof von Sologubowka der größte deutsche Soldatenfriedhof sein wird. Auf den in langer Reihe und an einer Allee aufgestellten Stelen aus Granit sind die Namen der hier bestatteten Kriegstoten eingraviert. Von einem schlichten hohen Kreuz überragt, ist es eine würdige Gedenkstätte, jenseits aller verklärenden Romantisierung des so genannten Heldentodes.

War der Gedanke eines Wiederaufbaus der Kirche zunächst an technischen und vor allem finanziellen Bedingungen gescheitert, kam der Gedanke auf, sie durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge restaurieren zu lassen. Dieser Gedanke wurde russischerseits vor allem vom orthodoxen Priester der Gemeinde, Vater Wjatscheslaw Charinow, beharrlich unterstützt. So kam es dann mit Hilfe des Volksbunds zur Renovierung des Gotteshauses aus Spendenmitteln. »Sie haben es möglich gemacht«, sagte der Präsident des Volksbunds Reinhard Führer und wendet sich damit dankbar an die Mitglieder und Förderer der Kriegsgräberfürsorge.

Über 1000 Deutsche und Russen gedenken auf dem Friedhof der Toten. Sie gehen zu den Namensstelen und Gräbern und versammeln sich unter dem hohen Kreuz. Sie hören die Worte der evangelischen, katholischen und orthodoxen Bischöfe, das Lied vom Guten Kameraden, die deutsche und die russische Nationalhymne und die Lieder eines deutschen und eines russischen Chores. Allen voran schreiten Reinhard Führer und der russische Erzbischof Konstantin zur Eröffnung des Gotteshauses. Die Ikonen der Ikonostase hat der Dortmunder Maler Andreas Block geschaffen, den Aufbau finanzierte ein deutscher Spender. »Ich danke allen, die zur Wiederherstellung der Kirche beigetragen haben und heute hier Versöhnung feiern«, sagt Erzbischof Konstantin sichtlich ergriffen.

Präsident Wladimir Putin und Bundeskanzler Gerhard Schröder.
Foto: sob
   Es wäre ein symbolträchtiges Treffen, wenn Präsident Putin und Bundeskanzler Schröder am 27. Januar 2004 zur Feier der Befreiung Leningrads vor 60 Jahren kommen würden. Schröders Vater ist im Osten gefallen, Putins Vater wurde am Newskij-Brückenkopf, unweit von Sologubowka, schwer verwundet.

Während der Kirchenraum den Gottesdiensten der Gemeinde dient, wurde in den Gewölben darunter ein Gedenkraum eingerichtet. Entlang der Wände sind auf Regalen 80 Bücher aufgereiht, in denen die Namen von etwa 850000 deutschen Soldaten dokumentiert sind, die während des Zweiten Weltkriegs auf dem Gebiet der Russischen Föderation gefallen, vermisst oder in der Gefangenschaft gestorben sind. Eine Seitenwand des Gedenkraumes wird von der Bronzeskulptur des Ebersberger Kunstschmieds Manfred Bergmeister »gegen Verblendung, Krieg und Gewalt« beherrscht. Große Tafeln erinnern in deutscher, russischer und englischer Sprache an die 55 Millionen Opfer des Krieges - eine Zahl, die jedes Vorstellungsvermögen übersteigt. Gleichsam als Brücke zwischen Friedhof und Kirche ist ein mit Bäumen einzelner Spender bepflanzter Friedenspark angelegt worden. Als lebendiges Zeichen der Erinnerung.

»Ich danke für die große Tat der Deutschen«, sagt Nikolajewitsch Romanov, der die Belagerung der Stadt überlebt hat. Man spürt, dass die Gedenkstätte von beiden Seiten getragen wird. Auch von den russischen Veteranenverbänden und der Bevölkerung, die unter der deutschen Belagerung unendlich zu leiden hatte.

Es könnte symbolisch und von größter Bedeutung sein, wenn Präsident Putin und Bundeskanzler Schröder am 27. Januar 2004 an der Feier zur Befreiung Leningrads vor 60 Jahren von der feindlichen Blockade teilnehmen würden, sagt Jurij Lebedew, der Leiter des Zentrums »Versöhnung«. Schröders Vater ist im Krieg gegen Russland gefallen, Putins Vater wurde am Newskij-Brückenkopf, unweit von Sologubowka, schwer verwundet.

STICHWORT

Volkstrauertag

Der Volkstrauertag an diesem Sonntag ist dem Gedenken an die Toten der beiden Weltkriege und an die Opfer des NS-Regimes gewidmet. Er wird jeweils im November zwei Wochen vor dem ersten Advent als nationaler Trauertag begangen.

Ursprünglich wurde er im Jahr 1920 vom »Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge« zum Gedenken an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges angeregt. Die erste offizielle Feierstunde fand 1922 im Berliner Reichstag statt.

1934 ordnete Adolf Hitler aus propagandistischen Gründen eine Umbenennung des Tages an: Aus dem Volkstrauertag wurde der »Heldengedenktag«. Seine Gestaltung oblag dem Reichspropagandaminister. 1950 wurde der alte Name Volkstrauertag wieder eingeführt. Den Anstoß gab wiederum der »Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge«, der ihn als Tag der Mahnung zu Versöhnung, Verständigung und Frieden versteht.

 


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abgerufen 09.02.2010 - 05:55 Uhr

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