Werte für 100 Minuten täglich
Podiumsdiskussion zum Kinderfernsehen bei den Münchner Medientagen
Es war nur eine der wenigen medienethischen Veranstaltungen im Konzert der 82 »Panels«, der Informations- und Diskussionsveranstaltungen während der Münchner Medientage in der vergangenen Woche. Die nahm vor allem in den Blick, »wie man trotz Krise wirtschaftlich erfolgreich sein kann«. Doch hier forderte man »Kinder brauchen Werte!« und versprach eine »medienethische Diskussion über das Kinderfernsehen«.
Werbung - »für das Leben nach dem Kinderleben«
Eine solche ergab sich dann tatsächlich - mit erhellenden Kontrasten: Die Position der während der Medientage von den Privatsendern und dem bayerischen Ministerpräsidenten als unangemessen gebührenverschlingend gescholtenen öffentlich-rechtlichen Sender vertrat Frank Beckmann, 38-jähriger Programmgeschäftsführer des Kinderkanals Ki.Ka von ARD und ZDF in Erfurt. Sein Hauptkontrahent: Claude Schmit (43), Luxemburger, Kampfsportler, Vater von sechs Kindern und Geschäftsführer von Super-RTL, dem werbefinanzierten Privatsender, der nach dem Ki.Ka am meisten explizites Kinderfernsehen sendet. Schmit redete nicht darum herum: »Ich gehöre zur hedonistischen Sparte, Spaß und Spannung gehören zur Entwicklungspsychologie der Kinder, deshalb sollte deren Fernsehkucken auch nicht nur überwacht stattfinden.«
Beckmann indessen bezeichnete das gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Kinderprogramm als »tatsächlich besonders wertvoll«. Hier gebe es, anders als bei den Privaten, keine »gewaltverherrlichenden Sendungen«. Vor allem aber seien Toleranz, Freundschaft, Konfliktbewältigung durch Information die aufklärerischen Leitwerte seines Programms. Schmit will hingegen vor allem »Kompetenz vermitteln für das Leben nach dem Kinderleben«. Wenn man »in unseren Gefilden lebt, dann gehört Werbung halt einfach dazu«, so der Super-RTL-Macher. Seinen eigenen Kindern mache er nur wenig Vorgaben, was diese ansehen dürften, Verbote machten das Geächtete erst recht interessant. Im Hause Schmit wird der Fernseh- und Computerkonsum mit einem Coupon-System kontrolliert. Je nach Alter der Kinder gibt es eine bestimmte Anzahl Coupons, die für eine gewisse Zeit des Fernsehkonsums berechtigen.
Im Jahresschnitt etwa 100 Minuten pro Tag sehen deutsche Kinder fern - aber das seit Jahren stabil und nicht etwa steigend, wie der Geschäftsführer des Disney Channel, Michael Kreissl betonte. In Ländern, die bei der Pisa-Studie besser als Deutschland abgeschnitten haben, liegt - wie etwa in Finnland - der Fernsehkonsum noch deutlich höher. Mit 50 Prozent sei in Deutschland der Anteil echter Kindersendungen vergleichsweise hoch, so Kreissl. Dies bedeute aber auch, dass Kinder zur Hälfte nicht ausdrücklich für sie gemachtes Programm sähen.
Die Alltagserfahrung von Alexandra Eberhardt, einer Lehrerin und Mutter von zwei Söhnen im Alter von drei und sechs Jahren, dürfte der von vielen Eltern entsprechen. Auch wenn es ihr nicht gefalle, so Eberhardt, bei der zu Hause ebenfalls das Coupon-System im Einsatz ist, Kampfszenen kämen bei ihren Jungs nun mal besser an als pädagogisch Korrektes. Außerdem habe sie in ihrem Unterricht bei einem Projekt zur Stärkung der Medienkompetenz von Fünftklässlern die Erfahrung gemacht, dass diese bei Sendungen wie der Ki.Ka-Nachrichtensendung »logo!« abgewunken hätten und die Vorabendprogramme »Marienhof« oder »Verbotene Liebe«, die sich eher an junge Erwachsene richten, oder den Musiksender MTV als Lieblingsprogramme genannt hätten.
Weil die Werte des Kinderfernsehens schlaglichtartig den Wertezustand der Gesellschaft überhaupt erhellen, lohnt der Blick auf Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Die Stuttgarter Medienwissenschaftlerin Petra Grimm mahnte, es gebe immer noch zu wenig »Heldinnen« im Kinderprogramm, handelte sich damit aber vehementen Widerspruch vom öffentlich-rechtlichen Ki.Ka-Mann ein: »Mädchen haben Vorbildfunktion«, sagte Beckmann, aber das sei eben nicht bei allen Fernsehsendern so. Vor allem soziale Werte wie Kooperation und Ausgleich liegen im Trend beim pädogisch sich auf der Höhe der Zeit wähnenden Kinderfernsehen, das bei Mädchen besser ankommt als bei Buben. Die sehen dann offenbar lieber Sendungen, bei denen sich etwas rührt, in denen gekämpft und gerauft wird, was ihrer Lebenswirklichkeit eher entspricht - geraten so aber oft an eher zweifelhafte Programme mit üblen Botschaften.
Was also vor allem zu fehlen scheint im Kinderfernsehen: positive männliche Rollenvorbilder, die dem männlichen Mehr an Aggressivität, Kampfgeist und vielleicht auch Willenskraft eine konstruktive Wendung geben. In einer Gesellschaft, in der der »neue Mann« noch immer auf der Suche nach sich selbst ist - da suchen auch die Jungs noch nach sich selbst. |  |