Die Bibel - nur für Alte?
»Ich kenne kaum jüngere Leute, die sie lesen«
Wenn ich meine Großeltern mütterlicherseits besuche, treffe ich sie manchmal dabei an, dass sie in der Bibel lesen. Und fast immer sehe ich eine aufgeschlagene Bibel auf dem Wohnzimmertisch liegen.
Für meine Patentante, sie ist Mitte 50 Jahre alt, gehören die Bücher von Jörg Zink oder Heinz Zahrnt zur Lieblingslektüre. Also ebenfalls Schriften, die es mit der Bibel zu tun haben.
Hingegen kenne ich kaum jüngere Leute, die das Buch der Bücher lesen. Wo immer ich auch frage, ich ernte ein Achselzucken. Die Bibel? Ja, sie steht irgendwo im Regal, aber lesen tue ich darin nicht.
Wenn ich weiter frage, begegnet mir keine Ablehnung, aber doch ein deutliches Desinteresse. So als, als ob man nicht erwarte, in diesem Buch etwas Aufregendes zu finden.
Mich interessiert nun, wie Sie das sehen. Ist die Bibel ein Buch für alte Menschen? Mir jedenfalls, ich bin 22 Jahre alt, scheint es so zu sein.
Herr G.
Ich gebe Ihnen zunächst eine Antwort aus Kindermund weiter, die ich neulich auf einem Kalenderblatt fand: »Als ich darüber nachdachte, warum die Leute, wenn sie älter werden, anscheinend viel häufiger in der Bibel lesen, wurde mir schlagartig klar - sie büffeln für die Abschlussprüfung.«
Eine Erklärung zum Schmunzeln, aber sie ist ja nicht ganz daneben. Ältere Menschen erleben viel bewusster, dass Zeit etwas Kostbares ist. Dass sie nicht mehr grenzenlos zur Verfügung steht. Dementsprechend gehen sie auch bewusster damit um und achten darauf, was ihnen gut tut und was nicht.
Die Bibel ist das Buch der großen Lebensthemen: Woher komme ich? Wozu lebe ich? Wohin gehe ich? Was bleibt? Das sind nicht Fragen für alte Menschen, aber ältere Menschen nehmen sich oft mehr Zeit dafür und bringen dafür eine größere Dringlichkeit mit. Im Bibelspruch der Woche, in der ich Ihnen schreibe, heißt es etwa: »Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht« (2. Timotheus 1,10). Der Tod, auf den ich als älterer Mensch zugehe, soll seine Macht verloren haben? Wie das? In Jesus soll ein Leben aufgeleuchtet sein, das unzerstörbar ist? Wie denn? Ich merke doch ganz deutlich, wie vieles in meinem Leben nachlässt und zurückgeht. Ich könnte mir vorstellen, dass es über der aufgeschlagenen Bibel im Wohnzimmer Ihrer Großeltern immer wieder um solche Fragen geht. Ein Suchen, Überlegen, Stille werden, Beten und miteinander Reden.
Aber - dies ist der wichtigste Teil meiner Antwort - fragen Sie doch bitte selbst nach. So wie Sie das bei Ihren Altersgenossen getan haben. Wie geht es euch mit der Bibel? Wie lest ihr sie? Was spricht euch an? Was ist eure Lieblingsgeschichte? Gibt es Stellen, mit denen ihr nicht zurecht kommt? Und so weiter...
Es könnte doch ein tolles Gespräch entstehen, wenn die Großeltern und/oder die Patentante Ihr Interesse spüren. Und ich bin sicher, dass auch Sie selbst der Bibel ganz neu begegnen werden und Sie eine eigene Antwort auf die Frage finden: Bibel - nur für alte Menschen? | SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE
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