»Evangelische Sinnlichkeit statt evangelischer Strenge«
Was sich die protestantische Bundesfamilienministerin von ihrer Kirche wünscht
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Lammel
 Renate Schmidt und ein »Autogrammjäger«, beobachtet von Thiersheims Pfarrer Michael Murner.
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Nach der Predigt gab's Applaus, am Portal dann Autogramme: So würde vielleicht der Traum eines Pfarrers vom idealen Sonntagsgottesdienst aussehen. Gelungen ist es am vorigen Sonntag aber der amtierenden Bundesfamilienministerin, die beim Reformationsgottesdienst im oberfränkischen Thiersheim (Landkreis Wunsiedel) ihrem protestantischen Herzen ein wenig Luft machte. Etwas mehr »evangelische Sinnlichkeit statt evangelischer Strenge« wünscht sich die Nürnbergerin von ihrer Kirche - als Gegenstück zur »katholischen Lebenslust«, die ihr bei vielen Anlässen begegne. Mit mehr kulturellen Ereignissen und »ab und zu etwas Humor« könnte die Kirche für viele Menschen wieder attraktiver werden.
Auf der Kanzel der Kirche, in der eines ihrer Enkelkinder getauft wurde, gestand Renate Schmidt gewisse »Zugangsschwierigkeiten« zu vielen evangelischen Predigten ein: Denen fehlt ihrer Meinung nach häufig die Nähe zu den unmittelbaren Sorgen und Nöten der Menschen. Der Glaube bleibe weltfremd, wenn er nicht lebensnah präsentiert werde. In ihrer Funktion als »Pfadfinderin in der Unübersichtlichkeit der Welt« sollte die Kirche Prozesse wie die Globalisierung »nicht nur aus dem Jenseits sondern auch aus dem Diesseits« begleiten. »Wo ist die Predigt gegen Steuerhinterziehung als Verstoß gegen die Nächstenliebe?«
Die Ministerin appellierte an die Kirchen, trotz der aktuellen Finanzprobleme keine Abstriche bei ihrer Jugend- und Familienarbeit zu machen. Die Politik könne nicht allein die fehlende Erziehungskompetenz von Eltern ersetzen. In der »Allianz für Kinder und Familien« dürften die Kirchen ihre wichtige Erziehungs- und Lebensberatung nicht einstellen. »Es darf nicht sein, dass wichtige Projekte im wahrsten Sinn des Wortes daran glauben müssen.« Bei allen Zwängen dürfe am allerwenigsten bei Kindern und Familien gespart werden: »Ich weiß wovon ich rede - auch in der Politik passiert's manchmal umgekehrt.« |