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Dieser Artikel: Ausgabe 44/2003 vom 02.11.2003
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Landesbischof Meiser wurde vorstellig

Die Kriegsverbrecherprozesse der Alliierten ab 1945


Angeklagte im so genannten »Ärzteprozess« vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal in Nürnberg
Foto: Archiv
   Die Angeklagten im so genannten »Ärzteprozess« vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal in Nürnberg. Die vier Besatzungsmächte führten in ihren Gebieten weitere Prozesse durch, in denen Juristen, Generäle, Industrielle, SS-Angehörige, aber auch Mitglieder so genannter verbrecherischer NS-Organisationen, KZ-Bewacher, Einsatzkommandos und einfache Soldaten verurteilt wurden. In den Dachauer Prozessen erhielten 426 die Todesstrafe.

Die Absicht, Kriegsverbrecher vor Gericht zu stellen, wurde schon im November 1943 von den USA, Großbritannien und der Sowjetunion vereinbart. Nach Kriegsende im August 1945 schlossen nach einem Konzept des US-Bundesrichters Robert H. Jackson die vier Alliierten ein Abkommen über die Bestrafung der Hauptkriegs- verbrecher und die Bildung eines Internationalen Militärtribunals. Verfolgt werden sollten 1. Verschwörung gegen den Frieden, 2. Verbrechen gegen den Weltfrieden, 3. Verbrechen und Verstöße gegen das Kriegsrecht, 4. Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Am 20. November 1945 begann in Nürnberg der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher, von denen zwölf zum Tod durch den Strang, drei zu lebenslanger Haft, vier zu Haftstrafen zwischen zehn und zwanzig Jahren verurteilt und drei freigesprochen wurden. Anschließend führten die vier Besatzungsmächte in ihren Gebieten weitere Prozesse durch, in denen Ärzte, Juristen, Generäle, Industrielle, SS-Angehörige, aber auch Mitglieder so genannter verbrecherischer NS-Organisationen, KZ-Bewacher, Einsatzkommandos, einfache Soldaten etc. verurteilt wurden.

In den Dachauer Prozessen wurden 1416 Personen abgeurteilt; davon erhielten 426 die Todesstrafe und 199 lebenslänglich. Diese Prozesse, über die nicht öffentlich berichtet wurde, waren gekennzeichnet von manchen Unregelmäßigkeiten. Schon in den Vorermittlungen sind unter körperlicher Misshandlung Geständnisse erpresst worden. Meist führten Nichtjuristen im Gericht den Vorsitz, die Angeklagten hatten keinen Verteidiger, Entlastungszeugen wurden oft nicht zugelassen. Einzelne Belastungszeugen waren gekauft, schriftliche Beweismittel waren oft fragwürdig.

Diese Vorkommnisse veranlassten beide Kirchen, bei der US-Militärführung zu protestieren. Weihbischof Neuhäusler wurde ebenso vorstellig wie Landesbischof Meiser. Ein vom US-Senat eingesetzter Prüfungsausschuss (Simpson-Kommission) erwirkte zwischen Juli und Oktober 1948 in Landsberg einen Hinrichtungsstopp. Aber gründliche Nachprüfungen erfolgten nicht.

Daraufhin wandte sich der Württembergische Landesbischof Theophil Wurm im November 1948 mit einem geharnischten Brief an US-General Lucius Clay. Er stellte darin fest, »dass Dachauer Urteile vielfach von Seiten der Anklage auf unrechtmäßige Weise zustande gebracht worden sind und dass deshalb die Gefahr von Justizmorden gegeben ist«. Wurm spricht von »fragwürdigen, ja verbrecherischen Methoden der Anklage« und verlangt, dass Urteile, soweit sie auf erpressten Aussagen von Mitbeschuldigten oder Belastungszeugen beruhen können, erneut verhandelt werden. Der Bischof beendete seinen Protest mit dem Satz: »Man kann schon heute sagen, dass die Galgen und die Gräber in Landsberg nicht geeignet sind, an eine Justiz zu erinnern, die so war, wie sie hätte sein müssen.«

Nur wenige Urteile wurden revidiert. Im Landsberger Gefängnis wurden insgesamt 306 Todesurteile am Galgen vollzogen. Monsignore Karl Morgenschweis, der von 1932 bis 1958 katholischer Gefängnisseelsorger in Landsberg war, hält etwa ein Fünftel der vom US-Militärgericht Verurteilten für unschuldig, wie er in seinen Lebenserinnerungen schreibt. Vielfach wurden die Urteile als Rache der Sieger empfunden.

Die Kriegsverbrecherprozesse waren aber zugleich der Anfang für eine Internationale Gerichtsinstanz, weil die Völkergemeinschaft nicht mehr hinnimmt, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit von Politikern oder Militärs ungesühnt begangen werden können.

 

Kirche und Nationalsozialismus

Kirche und Nationalsozialismus (Bild: Dietrich Bonhoeffer und »Reichsbischof« Ludwig Müller)

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Helmut Winter

 


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abgerufen 01.10.2014 - 22:17 Uhr

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