ZEITZEICHEN
Von Hans Max von Aufseß, dem die Franken eine kleine Bibliothek voller geistreicher Aphorismen verdanken, stammt das schöne Wort, der Franke sei »ein Gewürfelter«. Wie immer er's gemeint hat, sicherlich nicht wörtlich, sprich: bildlich. Er zielte auf die Wendigkeit des fränkischen Geistes. Schnöde Äußerlichkeit war ihm nicht wichtig.
Darüber erfahren wir nun aber etwas aus einer Meldung des Evangelischen Pressedienstes in Frankfurt. Dorthin gelangte die Nachricht, dass bei den Dreharbeiten zum dem neuen Luther-Film, die im oberfränkischen Seßlach über die Bühne gegangen waren, bevorzugt Statisten aus der dortigen Behindertenwerkstatt zum Einsatz kamen. Denn fürs stilgerechte Ambiente verlangte die Regie nach Volk mit ausgeprägten Körpermerkmalen: große Nasen, Buckel und Segelohren.
Die Seßlacher wollten sich zwar nicht, wie von den Gästen aus Übersee gewünscht, die Innenstadt - wiederum fürs Ambiente - baumfrei machen lassen. Als Komparsen machten sie aber freudig mit, behindert oder nicht behindert, und alle waren mächtig stolz und hatten wahrscheinlich großen Spaß dran, ob große Nasen oder nicht.
In Frankfurt allerdings flackerte die journalistische Alarmlampe mit der dicken Aufschrift »political correctness«. Behinderte und Segelohren im Schlagzeilen-Doppelpack? Auf keinen Fall. Dann schon lieber in die Warteschleife für den Hohlspiegel einreihen: »Große Nasen und Ohren gefragt - Franken als Komparsen bei Luther-Film«.
Gewürfelt ist er also, der Franke, und außerdem großnasig und segelohrig. Und wenn! Großspurig und schlitzohrig wäre schlimmer gewesen. |