Idole Mutter, Vater, Jesus: Gesellschaft mit Tradition
Von
Lutz Taubert
Was ist das für ein bemerkenswerter Befund! Da rangieren, in einer groß aufgemachten Umfrage einer Zeitschrift nach den Vorbildern der Deutschen, die eigene Mutter und der eigene Vater ganz vorne.
Also: kein Fußballstar oder Rennfahrer, kein vom Privat-Fernsehen erzeugter Super-Star, sondern die Rollen, die eine in sich ruhende und auf die Generationen aufbauende Gesellschaft ausmachen. Wir finden unter den ersten zehn keinen Michael Schuhmacher oder Daniel Küblböck, wir finden auch keinen Milliardär, der als Tellerwäscher begonnen hat, wohl aber: Mutter Teresa, Nelson Mandela, Albert Schweitzer, Mahatma Gandhi, Martin Luther King. Jesus Christus ist auf Platz zehn. Er ist damit die an vorderster Stelle platzierte Person, die nicht aus diesem oder dem letzten Jahrhundert stammt. Er ist damit das Idol, das - neben Mutter und Vater-Rolle - die nachhaltigste Wirkung entfaltet und, über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg, in unserer kollektiven Wahrnehmung seinen festen Platz hat.
Es ist diese Bestenliste, sozialwissenschaftlich gesehen, ein ungewöhnlich traditionelles Ergebnis; es ist ein Blick in die ethische Gemütslage einer Gesellschaft, die angeblich in Umbruch und Aufruhr ist und in der allenthalben der Werteabbruch beklagt wird. Diese Idol-Liste ist der gegenteilige Befund: Sehnsucht nach Menschen, die Werte vermitteln, die gut und schlecht unterscheiden und für einen »Sinn des Lebens« stehen.
Wie ist´s um unsere Gesellschaft bestellt? Darum ging es - letztlich - auch bei der jüngsten Mitgliedschafts-Studie, die die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) in Kontinuität zu einer 30 Jahre währenden Untersuchungsarbeit über den Protestantismus vorlegte (das Sonntagsblatt berichtete). Manfred Kock, scheidender EKD-Ratsvorsitzender (siehe Seite 6), hat in einer Bilanz seiner sechsjährigen Amtszeit als Repräsentant des bundesdeutschen Protestantismus noch einmal wichtige Themen Revue passieren lassen und dabei vor allem auf ein nur scheinbar innerkirchliches Phänomen hingewiesen. Es geht um die so genannten distanzierten Kirchenmitglieder, zu der der Kern der Kirche ein bewusstes Verhältnis entwickeln muss. Die Distanzierten sind Sympathisanten im Umfeld der Kirche, die wir nicht als bloße Konsumenten von »Lebens-Übergangsritualen« wie Taufe, Trauung, Beerdigung nehmen dürfen. Es handelt sich um Menschen, deren Rechtsempfinden durch christliche Werte geprägt ist. Kock: »Sie wissen, dass sie auf einen gnädigen Gott angewiesen sind«.
Wenn die EKD-Synode dabei ist, einen neuen Rat und dann auch einen neuen Ratsvorsitzenden zu wählen (S. 6), dann ist das auch, notwendigerweise, eine Entscheidung über den Kurs des Protestantismus in unserer Gesellschaft. Es ist, die Umfrage nach den Idolen der Deutschen beweist es, eine Gesellschaft, die sich zwar mehr und mehr säkularisiert. Die aber trotzdem bemerkenswert traditionsbezogen ist und - im tiefsten Inneren - religiös. |  |