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Dieser Artikel: Ausgabe 41/2003 vom 12.10.2003
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In der Krise Zähne gezeigt


Mehr als 1000 Autoren wollen kommen, in mehr als 2500 Veranstaltungen können die 10000 Journalisten und rund 350000 Besucher ihnen begegnen: Die Frankfurter Buchmesse ist als weltweit größte Bücherschau für deutsche Verlage ein Pflichttermin. Wie sieht es für die rund 150 religiösen Verlage in Deutschland aus? Eine Umschau unter drei evangelischen Verlagen.

Frankfurter Buchmesse: Stand des Gießener Brunnen-Verlags im Jahr 1999.
Foto: epd-bild
   Frankfurter Buchmesse: wichtiger, aber für kleinere Verlage kostspieliger Pflichttermin. Im Bild der Stand des Gießener Brunnen-Verlags im Jahr 1999.

Rund 6600 Aussteller - gut 200 Aussteller mehr als im Vorjahr -, die Frankfurter Buchmesse scheint sich der allgemeinen und der Buchhandelskrise zum Trotz guter Gesundheit zu erfreuen. Noch bis zum 13. Oktober trifft sich in der Main-Metropole wieder alles, was im Buchgewerbe Rang und Namen hat. Und nach dem Boykott des vergangenen Jahres, als 50 religiöse Verlage sich notorisch schlecht behandelt fühlten und verärgert der Messe fernblieben, sind dieses Jahr auch die evangelischen Verlage wieder mit dabei bei der großen Buch-Party.

»Tabubruch«, um in Frankfurt fernbleiben zu können

Denn am Ende musste auch die mächtige Messegesellschaft eingestehen, dass hier nicht nur eine kleine Gruppe den Aufstand probte. Nun dürfen also die religiösen Verlage wieder in die umstrittene, weil vom Publikumsverkehr günstige Halle 3.1, wo sie schon seit Jahren an den stets gut besuchten Bereich »Sachbuch/Belletristik« angegliedert waren. Die religiösen Verlage seien, sagt Gunther Rossmüller, Geschäftsführer der Stuttgarter »Vereinigung Evangelischer Buchhändler und Verleger« (VEB), als Folge des Streiks »keine zahnlosen Tiger mehr« und würden nun ernst genommen. Doch habe der »Tabubruch«, die Frankfurter Messe zu boykottieren, noch einen zweiten Effekt gehabt: Man könne jetzt ohne großen Imageverlust in Frankfurt fehlen. Viele Verlage hätten sich, so Rossmüller, bei der VEB, der etwa 75 evangelische Verlage, rund 160 Buchhandlungen und weitere Firmen sowie Einzelpersonen angehören, für die Organisation des Boykotts bedankt. Manche würden auch in diesem Jahr wegen der für kleine Verlage hohen Kosten fernbleiben oder setzen auf die Konkurrenz zu Frankfurt, die Leipziger Buchmesse im Frühjahr.

Ein Blick in drei unterschiedliche Verlage, die Leipziger Evangelische Verlagsanstalt, den evangelikalen Hänssler-Verlag in Holzgerlingen und den Münchner Claudius Verlag, ergibt ein unterschiedliches Bild: Der ostdeutsche und der evangelikale Verlag sind beide (wieder) in Frankfurt vertreten. Die Leipziger Buchmesse sei zwar, sagt Kerstin Hänssler vom Hänssler-Verlag, »teilweise besser, wenn es um geschäftliche Nischen geht.« Doch sei die Leitmesse Frankfurt für ihren Verlag »ein Muss«. Der Claudius Verlag aus München dagegen verzichtet erneut. Verlagsleiter Manuel Zelger begründet dies mit der Teilnahme an der Leipziger Messe in diesem Frühjahr. Sein kleiner Verlag könne nur eine Messe pro Jahr schaffen.

Wie schätzen die Verlage ihre Markt- und Zukunftschancen ein? Die Tendenz sei seit Jahren rückläufig, sagt Manuel Zelger vom Claudius Verlag: »Es wäre gelogen zu sagen, die Medienkrise würde sich nicht zeigen.« Er glaube zwar, dass sich alles auf niedrigem Niveau stabilisieren werde, sei aber nur »gedämpft optimistisch«. Manche religiöse Titel würden jedoch überraschend gut gehen. Mit dem »Enneagramm« oder den Büchern des Karikaturisten Tiki Küstenmacher habe man verlässliche »Dauerbrenner« im Programm.

Beim Claudius Verlag stehen die Zeichen aber auf Schrumpfung. Man überlege, die eigene Auslieferung einzustellen: »Kaum ein deutscher Verlag liefert noch selbst aus.« In der Krise, so Zelger, liege aber auch eine Chance.

Auch Michaela Zeller von der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig bestätigt, die Krise sei empfindlich zu spüren. Das Kaufverhalten sei zurückhaltend, doch wegen der vielen Katastrophen in der jüngsten Zeit suchten die Menschen Trost suchen und griffen vermehrt zum christlichen Buch. Gut laufen bei den Ostdeutschen Bücher mit persönlicher Note, wie Briefe prominenter Persönlichkeiten an ihre Enkel.

»Jetzt zeigt sich, welcher Verlag schon immer gut geführt wurde«

Kerstin Hänssler vom evangelikalen Hänssler-Verlag, der noch im vergangenen Jahr vor der Pleite stand, zeichnet ein gemischtes Bild. Ein Vorteil ihres Verlages sei, dass man seine Klientel gut kenne und auf diese zugeschnitten produzieren könne. Dann müsse ein Buch nicht gleich im ersten Jahr schwarze Zahlen schreiben, sondern verkaufe sich dauerhaft. Auch in ihrem Verlag gehen Bücher gut, die auf bekannte Persönlichkeiten setzen: Bundespräsident Johannes Rau oder auch den Golfspieler Bernhard Langer zählt man zu den Autoren.

Für Gunther Roßmüller von der Vereinigung evangelischer Verlage jedenfalls ist die Sache klar: In der Krise zeige sich, welcher Verlag schon immer gut geführt wurde. Wer nur davon gelebt habe, dass sich Bücher »immer irgendwie verkaufen«, sagt er, spüre jetzt den Gegenwind viel stärker.

Wilhelm Schneider

 


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abgerufen 31.10.2014 - 11:30 Uhr

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