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Dieser Artikel: Ausgabe 41/2003 vom 12.10.2003
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Pfarrer werden?

»Ich will Theologie studieren, aber viele raten mir davon ab«


Ich bin 27 Jahre alt und studiere im fünften Semester Germanistik. Mir macht dieses Studium viel Spaß. Vor allem fasziniert mich die Beschäftigung mit der Literatur. Dennoch nehme ich schon seit einiger Zeit einen anderen Wunsch in mir wahr, anfangs noch leise, in letzter Zeit aber immer deutlicher, nämlich den Wunsch, Pfarrer zu werden.

Daran ist sicher mein christliches Elternhaus beteiligt. Ein Aufwachsen in einer großzügigen, freien und doch vom Glauben geprägten Familie. Daneben hatte ich das Glück, einen guten und fantasievollen Religionsunterricht genossen zu haben. Auch periodische Erfahrungen in der Jugendarbeit waren anregend und weiterführend.

Das Eigenartige kommt jetzt: Fast alle, denen ich von meinem Wunsch, Theologie zu studieren und Pfarrer zu werden, erzähle, raten mir ab. Das Studium sei lang und realitätsfern. Die Berufsaussichten seien schlecht bis miserabel. Die Kirche sei finanziell am Ausbluten. Arbeitslosigkeit bzw. ein Berufswechsel sei vorprogrammiert.

Am meisten getroffen hat mich die Aussage meines alten und geschätzten Religionslehrers, die Kirche sei momentan in einem Zustand, der auf nichts Gutes deuten würde. Es sei ein einziges Hickhack um Finanzen, und hier denke jeder nur an sich. Ich bin ziemlich verunsichert und weiß nicht so recht, was ich tun soll.

Herr W.

Wichtig ist zunächst einmal, was Sie von sich heraus spüren. Und hier wächst etwas heran, langsam, aber stetig. Dieser Wunsch stellt keine plötzliche Eingebung dar, sondern baut auf einem Fundament auf, das im Elternhaus, im Religionsunterricht und in der Jugendarbeit gelegt wurde. Nun dringen Stimmen von außen auf Sie ein, die Ihnen abraten. Ich sage etwas aus meiner Erfahrung dazu.

Zunächst: Ist das Studium lang und realitätsfern? Ich selbst habe das - vor fast 40 Jahren - so erlebt. Das Studium war ein Fest, aber ausschließlich ein intellektuelles Fest. Mein Kopf war angesprochen und sonst nichts. Es gab nichts fürs Herz, nichts fürs Gemüt, nichts für die Seele. Inzwischen hat sich manches geändert. Erkundigen Sie sich doch bitte bei einer Studien- und Berufsberatung, bei Studierenden und Professoren, wie es heute aussieht.

Zur Zukunftsaussicht. Unsere Kirche wird, so viel scheint deutlich, kleiner werden, ärmer werden, bescheidener werden. Sie wird mancher Privilegien verlustig gehen. Aber wer sagt, dass sie deswegen an Leidenschaft verlieren muss? Meine erste Pfarrstelle war eine kleine Gemeinde in den USA mit etwa 80 Mitgliedern. Wir durften mietfrei wohnen und bekamen ein Taschengeld. Den Rest musste ich mir dazuverdienen. Und doch war dies - geistlich - eine unendlich reiche Zeit.

Zu den Finanzen. Wir sind momentan in einer Übergangsphase. Vieles, was bisher selbstverständlich war, muss heute auf den Prüfstand. Ich kann verstehen, dass dabei jeder für sein Arbeitsgebiet wirbt und kämpft. Es wäre doch eigenartig, wenn es anders wäre. Ich erlebe - aber so unterschiedlich kann man das sehen! - unsere Kirche so lebendig und engagiert wie selten zuvor in den vergangenen 40 Jahren.

Pfarrer werden? Für mich ist es nach wie vor einer der aufregendsten, abwechslungsreichsten und lohnendsten Berufe, die es gibt. Es ist der Beruf, der sich der schönsten Sache der Welt, der Sache Jesu, verschrieben hat. Zum Schluss: Wie immer Sie sich entscheiden, behalten Sie doch bitte beide Gebiete im Auge, die Theologie und die Literatur. Es gibt nicht allzu viele in unserer Kirche, die sich für diesen so befruchtenden Dialog, manche sprechen von einer Theopoetik, einsetzen und darin kundig sind.

SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE

Irene Silbermann

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Waldemar Pisarski

Wenn Sie eine längerfristige Korrespondenz wünschen, steht Ihnen die Evangelische Briefseelsorge, Postfach 600306, 81203 München, zur Seite. Alle Zuschriften werden vertraulich behandelt.

 

 

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Waldemar Pisarski

 


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abgerufen 20.10.2014 - 14:58 Uhr

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