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Dieser Artikel: Ausgabe 39/2003 vom 28.09.2003
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Sagen Sie mal, Nikodemus...

Interviews mit Personen der Bibel (38)


Christus bei Nikodemus, Crijn Hendricksz Volmarijn, 1604-1645, London.
Foto: sob
   Christus bei Nikodemus, Crijn Hendricksz Volmarijn, 1604-1645, London.

  ...woher haben Sie den Mut genommen, sich als Pharisäer nachts heimlich zu Jesus zu schleichen?

Nikodemus: Auch als Pharisäer war ich ein eigenständiger Mensch. Mich interessierte brennend, was dieser Wanderprediger aus Nazareth zu sagen hatte. Er war ein Jude, wusste ich, er achtete das Gesetz des Mose - legte es aber auf besondere Weise aus. Dass meine Glaubensbrüder über ihn lästerten, obwohl sie ihn gar nicht kannten, machte mich noch neugieriger. Also stellte ich ihm meine Fragen...

  ...konnten aber mit der Antwort herzlich wenig anfangen.

Nikodemus: Ja, ich war ziemlich vor den Kopf gestoßen, als Jesus davon sprach, man müsse »neu geboren« werden.

  Ihre Reaktion zeugt von ziemlicher Naivität.

Nikodemus: Weil ich noch nichts von der Tiefe der Lehre Jesu begriffen hatte. Das »neu geboren werden« verstand ich zunächst als neue körperliche Geburt. »Der ist ja wirklich abgedreht«, dachte ich zunächst. Wissen Sie: Bei uns wurde man als Jude geboren, studierte die Heiligen Schriften und lebte so fromm es geht. Aber von einem Lebens- und Sinneswandel, wie Jesus ihn forderte, wussten wir nichts.

  Jesus belehrte Sie und erklärte, was er meinte.

Nikodemus: Ja, und das leuchtete mir dann ein: Man muss im Geist neu geboren werden.

  Ziemlich missionarisch. Sie könnten einem Erweckungsprediger aufgesessen sein!

Nikodemus: Nein. Alles, was er sagte, wirkte glaubwürdig. Er drängte nicht, klang nicht überheblich.

  Find ich schon. Alle, die nicht an Jesus als den Sohn Gottes glauben, sagte er, seien quasi verloren und vom ewigen Leben ausgeschlossen.

Nikodemus: Wenn man das liest, wirkt es vielleicht selbstherrlich. Aber im Gespräch klang das anders. Jesus ging es nicht um seine eigene Person. Ihm war daran gelegen, dass die Menschen nicht gedankenlos ihren Glauben leben. Sondern dass sie sich von ihm ergreifen lassen. Dass sie sich vom Geist führen lassen und nicht vom Buchstabenglauben oder von Gewohnheiten.

  Das klingt sehr allgemein.

Nikodemus: Ich will Ihnen ein Beispiel nennen. Herkömmlicherweise ist es doch so: Ein Glaubender richtet sich nach den Gesetzen und lebt sein Leben in den geordneten, vorgegebenen Bahnen. Jesus aber sprach davon, dass der Geist wehe, wo er will. Und dass die Menschen, die sich vom Geist leiten lassen, in ganz ungeahnte Tiefen des Lebens vorstoßen werden. Der Geist bestimmt das Leben, nicht die Gesetze. Verstehen Sie?

  Natürlich! Ich bin Christ und in meiner Taufe als Kind neu geboren!

Nikodemus: Also verstehen Sie nicht. Man kann nur neu geboren werden, wenn man diesen Schritt bewusst vollzieht. Es nützt nichts, als Kind einmal getauft zu werden.

  Hören Sie mal! Das ist die Lehre meiner Kirche, und die beruft sich auf Jesus!

Nikodemus: Ich sage ja gar nichts gegen Ihre Kirche und die dort gepflegten Rituale. Ich sage nur: Die Taufe erspart Ihnen nicht, sich irgendwann in Ihrem Leben die Frage zu stellen: Möchte ich mich bewusst für den Glauben entscheiden oder als Taufscheinchrist leben? Will ich mich vom Geist in unbekannte Gefilde wehen lassen oder nur geistlos die Lehre meiner Religion übernehmen?

  Haben Sie sich diese Fragen gestellt?

Nikodemus: Nächtelang. Die Begegnung mit Jesus hat mein Leben völlig auf den Kopf gestellt.

  Aber Sie blieben Mitglied des Hohen Rates der Juden.

Nikodemus: Mein Naturell verbot mir voreilige Entscheidungen. Ich verfolgte Jesu Weg weiter, nahm ihn vor meinen überkritischen Glaubensbrüdern in Schutz. Erst als er starb, wusste ich, dass ich mich seinen Jüngern anschließen musste. Es klingt paradox: Als er starb, fühlte ich mich wie neu geboren.

  Vielen Dank für das Gespräch.

Eine » Übersicht aller Interviews mit Personen der Bibel finden Sie » hier...

 

ZUR PERSON

Der Pharisäer NIKODEMUS gehörte dem »Sanhedrin«, dem Hohen Rat, also der höchsten religiösen Instanz der Juden an. Im geheimen Gespräch erklärte ihm Jesus die Notwendigkeit, »aus Wasser und Geist« neu geboren zu werden. Nach der Kreuzigung salbte er gemeinsam mit Josef von Arimathäa den Leichnam Jesu und legte ihn in eine Grabhöhle.

QUELLE: Johannes-Evangelium 3, 1-21. 7, 45-52. 19, 38-42 (Nachschlagen bei  » bibel-online.net)

@ Haben Sie Fragen an Menschen aus der Bibel? Stellen Sie sie ins Internet unter:  www.sagen-sie-mal.de

 

Uwe Birnstein
Foto: sob

Der Theologe UWE BIRNSTEIN interviewt zum ökumenischen Jahr der Bibel 2003 Jesus, Maria und andere prominente Männer und Frauen der Heiligen Schrift.

Fragen: Uwe Birnstein

 


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abgerufen 08.02.2012 - 12:02 Uhr

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