Sagen Sie mal, Sulamith...
Interviews mit Personen der Bibel (37)
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 Franz Pforr: Sulamith. 1810-1820, Öl auf Holz, Schweinfurt, Sammlung Georg Schäfer.
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...schämen Sie sich gar nicht, unverheiratet ein solch frivoles Liebesleben zur Schau zu stellen? Eine Jungfrau sollte keusch leben.
Sulamith: Aus welcher Zeit kommen Sie denn? Sind Sie Moralist? Oder haben Sie Probleme mit Ihrer Sexualität?
Entschuldigung, ich versuche nur, nach den ethischen Maßstäben des Christentums zu leben. Danach sollten erstens Männer und Frauen erst zusammen schlafen, wenn sie verheiratet sind. Und zweitens geht es nicht nur nach Lust und Laune, sondern um »verantwortungsvolle Sexualität«, wie es in kirchlichen Verlautbarungen heißt. Sie dagegen haben Ihrer Lust auf diesen Hirtenjungen freien Lauf gelassen.
Sulamith: Meiner Lust? Entschuldigung, aber es geht um Liebe! Ich war verliebt - da denkt man bekanntlich nicht nach, sondern fühlt. Und wartet erst recht nicht auf den Trauschein. Wozu auch?
Um seinen Körper nicht an einen Menschen zu verschenken, mit dem man nicht sein Leben teilen möchte!
Sulamith: Oh, ich wollte sehr wohl mein Leben mit meinem Geliebten teilen. Er war so hübsch... Sein Haupt war wie feinstes Gold, mit schwarzen Locken besetzt. Seine Lippen erinnerten mich an Lilien, die von fließender Myrre triefen. Seine Beine sahen wie Marmorsäulen aus, sein ganzer Körper wirkte wie aus Elfenbein geschnitzt. . .
Sie beschreiben Äußerlichkeiten, Sulamith. Die genügen aber nicht unbedingt für eine bewusste Partnerschaft. Körper sind vergänglich. Was bleibt dann?
Sulamith: Die Liebe. Sie erscheinen mir wie ein verklemmter Moralist. Ich aber sage Ihnen: Wahre Lust gibt es gar nicht ohne Liebe. Wir haben damals ja keine gefühlslose Sex-Affäre begonnen. Wir liebten uns. Es war wunderschön... ich küsste ihn, sein Mund war süß wie Honig...
...und Sie schliefen miteinander?
Sulamith: Sie lesen ja sehr genau! Ja, das taten wir. Und zwar mit allen Sinnen. Wir waren umgeben von den schönsten Düften, wir genossen jede Berührung, unsere Körper sehnten sich danach, vereint zu sein. Mein Geliebter blickte mich mit seinen taubenblauen Augen an, sah, wie ich mein Kleid auszog. Dann wallte ihm mein Innerstes entgegen, mein Schoß war wie ein runder Becher, dem nimmer Getränk mangelt...
Hören Sie bitte auf mit diesen detaillierten Schilderungen! Wir machen hier kein pornografisches Interview. Es geht um Glaubensfragen! Haben Sie bei dem allen gar nicht an Gott gedacht? Das Wort kommt nicht vor in Ihrer Geschichte!
Sulamith: Stimmt. Das Wort kommt nicht vor. Aber Gott schon. Schließlich hat er uns Menschen die Lust und die Liebe geschenkt.
Und die Ehe! Haben Sie Ihren Hirtenjungen später wenigstens geheiratet?
Sulamith: Nein. Wir verlebten einen wunderschönen Sommer. Unsere Liebe mussten wir geheim halten. Ich war Fürstentochter, da ziemte es sich nicht, mit einen Hirtenjungen die Ehe einzugehen. Ich heiratete später einen anderen Mann.
Ach! Und was meinte der dazu, dass Sie nicht mehr Jungfrau waren?
Sulamith: Obwohl die Gesetze auf seiner Seite standen: Er hat es nicht an die große Glocke gehängt. Schließlich hatte er vor unserer Hochzeit auch schon geliebt.
Viele Theologen haben behauptet, Ihre Geschichte sei gar nicht wahr. Sondern nur ein Symbol für die leidenschaftliche und unzerbrechliche Liebe Gottes zu seiner Kirche.
Sulamith: Dass ich nicht lache. So etwas können nur Menschen behaupten, die nie ihrer Liebe getraut haben und denen Lust ein Gräuel ist. Wer schon jemals die Macht der Leidenschaft erlebt hat, wird meine Geschichte richtig verstehen: als Zeichen dafür, wie reich uns Gott mit der menschlichen Liebe beschenkt hat. Jenseits aller Moral...
Vielen Dank für das Gespräch.
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ZUR PERSON
SULAMITH war eine junge, hübsche Fürstentochter, deren Liebesgeschichte mit einem Hirtenjungen im Buch »Hoheslied« beschrieben wird. Mit poetischen Bildern schildert es die Verliebtheit und körperliche Leidenschaft des Paares. Als Verfasser wird der israelische König Salomo genannt.
QUELLE: Hoheslied (Nachschlagen bei » bibel-online.net)
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Der Theologe UWE BIRNSTEIN interviewt zum ökumenischen Jahr der Bibel 2003 Jesus, Maria und andere prominente Männer und Frauen der Heiligen Schrift.  |