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Gemeindebrief-Werkstatt: Öffentlichkeitsmanagement

Ein Schaukasten ist kein schwarzes Brett

Der evangelische Gemeindebrief ist ein stiller, weithin unterschätzter Medien-Riese mit - bayernweit gesehen - Millionenauflage. Der Gemeindebrief - das weitestreichende Forum des Protestantismus - ist ein journalistisches Medium; als »Schaukasten« der Gemeinde ist er aber auch Ort und Teil der Öffentlichkeitsarbeit. Wie beides miteinander zusammenhängt, darüber handelt diese Gemeindebriefwerkstatt:

Schaukasten

  Efeuumrankt präsentiert sich hier der Schaukasten einer Gemeinde als Sammelsurium aller irgendwie öffentlichkeitsrelevanten Aktivitäten und Ereignisse. Der Gemeindebrief ist quasi 1 zu 1 ausgestellt.

Foto: Kirchmeyer

Ein Szenario zum Einstieg: Günter M. geht frohgemut zum Schaukasten der Kirchengemeinde. In der Hand hält er 16 Blätter des soeben von der Druckerei eingetroffenen neuen Gemeindebriefs. Zwei Ausgaben hat Günter vorhin im Pfarramt säuberlich zerschnitten, damit die 16 Seiten nun im Schaukasten ausgestellt werden können. Die vorhandenen anderen Plakate und Hinweise drapiert er kräftig zur Seite. Was nicht mehr Platz hat, liefert er im Pfarramt ab. Hauptsache der neue Gemeindebrief erscheint vollständig im Schaukasten!

Zur gleichen Zeit beschriftet Kantor B. große Plakatvordrucke für sein bevorstehendes Orgelkonzert. Gleich morgen wird er eines davon im Schaukasten präsentieren. Mangels Platz werden die anderen »Ausstellungsgegenstände« ein wenig umgehängt...

Ach ja, die Pfarramtssekretärin heftet auch noch flugs einen Veranstaltungshinweis im Schaukasten an, irgendwo links unten. Die Gemeindebriefredaktion hatte den Termin doch glatt übersehen.

Am Abend kommt Elke L. von der so genannten »Schaukastengruppe«, die es in dieser Gemeinde gibt, auf dem Weg von der Arbeit an »ihrem« Schaukasten vorbei und schlägt die Hände über den Kopf.

Viele Köche verderben den Brei! Viele, unterschiedliche Aspekte von Öffentlichkeitsarbeit ruhen in den Kirchengemeinden auf vielen Schultern. Da gibt es das Gemeindebriefteam, die Sekretärin, die regelmäßig den Gottesdienstanzeiger an die Zeitung liefert, den Beauftragten für Öffentlichkeitsarbeit des Kirchenvorstands, das engagierte Gemeindemitglied, das von Veranstaltungen für die Zeitungen schreibt, die Internetbeauftragte, die die Homepage der Gemeinde pflegt, die vielen Leiterinnen und Leiter von Gruppen und Kreisen, die zur Eigenwerbung Handzettel und Plakate produzieren, und dann noch den gesamten Kirchenvorstand, der sich gerade mit der Leitbildentwicklung (und einem neuen Logo) beschäftigt.

Im Schaukasten kommt dann alles irgendwie nebeneinander oder übereinander zur Ansicht: Ein merkwürdiges, auch ein merkwürdig zufälliges Puzzle gemeindlicher Öffentlichkeitswirkung. Ist das die Art der Selbstdarstellung, die diese Gemeinde tatsächlich will? Und die sie verdient hat?

Erfahrungsgemäß hat das Gemeindebriefteam den besten Überblick über Veranstaltungen in der Gemeinde. Die einzelnen Gruppen geben der Redaktion direkt oder über das Pfarramt die Informationen. Aber es fehlt die Verzahnung der vielfältigen Informationen. Damit kein Gegeneinander, Nebeneinander, Übereinander wie in der Eingangsszene entsteht, empfiehlt sich eine Bestandsaufnahme: Wer in der Gemeinde arbeitet an »öffentlichkeitswirksamen Produkten oder Veranstaltungen« mit? Zum einen kann dabei »wertschätzend wahrgenommen« werden, wie viele Menschen es überhaupt sind, die sich am Gemeindeleben beteiligen. Zum anderen können Zuständigkeiten festgelegt werden, wer für welchen Innen- oder Außenkontakt verantwortlich ist. Der Pfarrer ist nicht für alles zuständig!

In vielen Gemeinden gibt es Ausschüsse für Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenvorstand, oder entspechende Beauftragte wurden berufen. Ihr Bemühen muss eine Gesamtwahrnehmung der Gemeinde in der Öffentlichkeit sein. Darunter fallen die Sorgen um genügend Parkplätze für Kirchenbesucher genauso wie die Inhalte und das Bild des Gemeindebriefs oder die Verwendung unterschiedlicher Briefpapiere mit verschiedenen Logos. Die Gemeinde kommt um ein Management ihrer Öffentlichkeitsarbeit nicht herum.

Minimal bedeutet dies die Klärung der Zuständigkeiten und die Kontakte zu den jeweiligen Gruppen. Je mehr Personen sich in dieser Sache engagieren, umso genauer müssen Absprachen getroffen werden. Das kann dazu führen, dass der Schlüssel des Schaukastens nur noch von einer Person verwaltet wird und nicht mehr im Pfarramt zugänglich ist.

Gibt es einen Ausschuss für Öffentlichkeitsarbeit, dann sollte er bei seinen Überlegungen auf die vorhandenen Kompetenzen - und die gibt es zum Beispiel im Gemeindebriefteam - zurückgreifen und sie in die Planungen einbeziehen. Darüber könnte dann auch gleich in der nächsten Ausgabe des Gemeindebriefs berichtet werden.

Selbstwahrnehmung - Fremdwahrnehmung

Neben den schon stattfindenden Jahresplanungen aller Mitarbeitenden in den Gemeinden sollte jährlich mindestens ein Treffen der im Bereich Öffentlichkeitsarbiet Mitwirkenden organisiert werden. Dabei sollte man einmal etwa in der Form einer Klausur ganz grundsätzliche Fragen wie etwa die der »Selbst- und Fremdwahrnehmung der Gemeinde« anpacken und konkret für die eigene Gemeindesituation durchbuchstabieren. Dass jemand vom Gemeindebriefteam dabei ist, sollte sich eigentlich von selbst verstehen.

Eine weitere Plattform des Austauschs könnte ein schwarzes Brett für Mitarbeitende sein. Kleine Zettelchen mit: Wir planen/sind gerade an... und Ansprechpartner ist... sorgen für Informationsfluss und lassen nach und nach ein Bild einer großen, zusammenhängenden Gemeindearbeit entstehen. Und dieses zuverlässig geführte Brett ist damit auch der verbindliche Nachrichtenstoff für die Service-Seiten des Gemeindebriefs.

Doch Vorsicht: So wie Service-Seiten eine sorgfältige Gestaltung durch die Redaktion verlangen, so verlangt auch der Schaukasten eine sorgfältige, auswählende und bewusst platzierende Gestaltung der einzelnen Elemente. Niemals aber darf der Schaukasten das schwarze Brett ersetzen, wie es in unserem Eingangsbeispiel der Fall ist.

Herbert Kirchmeyer


Nr. 2 - Februar 2003



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