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Projekt »Vernetzte Kirche« - Bilanz des ersten Jahres

»Die Kirche scheint das wirklich zu wollen«

Ohne Zweifel: Man wusste, dass man zu einem »sehr binnenkirchlichen Thema« zum Pressegespräch geladen hatte. Dennoch: Ein Jahr Projekt »Vernetzte Kirche«, das war Anlass für Landesbischof Johannes Friedrich, die Vizepräsidentin der Landessynode, Dorothea Deneke-Stoll, sowie für Projektleiter Marius Strecker samt Mitarbeitern und Thomas Zeilinger vom Lehrstuhl für Praktische Theologie an der Universität München, eine erste Bilanz zu ziehen.


  Kirchennetzwerk unter www.elkb.de: Pfarrer Marius Strecker (35) leitet das Projekt »Vernetzte Kirche«.

Foto: sob

Die breite Besetzung signalisiert die deutliche Unterstützung, die das Projekt durch die Kirchenleitung erfährt. Projektleiter Marius Strecker: »Für uns ist es wichtig zu wissen: Die Kirche scheint das wirklich zu wollen«. Auf der Herbstsynode 2001 einstimmig beschlossen und mit einem Etat von insgesamt rund 2 Millionen Euro ausgestattet, soll »Vernetzte Kirche« in den Jahren 2002 bis 2004 »eine funktionierende und akzeptierte Infrastruktur für die interne elektronische Kommunikation, ein sogenanntes ›Intranet‹ aufbauen«, so Dorothea Deneke-Stoll. Weitere Säulen des Projekts, das einen Technologiesprung für die Landeskirche bedeutet, sind das Internet und seine theologische Begleitung und Reflektion.

Das Projekt »Vernetzte Kirche« liege ihm, so der Landesbischof, »besonders am Herzen«. Im Bereich der Informationstechnologien gebe es in der Kirche bereits »viele Versuche«, bei denen »einiges nebeneinander und manches gegeneinander« gelaufen sei. Zu viel stehe noch »unverbunden nebeneinander«, weshalb man »eine Gesamtstrategie« brauche und mit »Vernetzte Kirche« eine Antwort gefunden habe.

Neue Chancen - und neue Probleme

Wohin die Reise geht und auch, welche Probleme sich stellen werden, mag ein neues Projekt, das soeben auf den Intranet-Markt kam, illustrieren. Künftig besteht für alle Pfarrämter die Möglichkeit, die lästigen Statistiken zu Gottesdienstbesuch und Kasualien online einzugeben. Bislang wurden sie zunächst in den Pfarrämtern getippt, nach München geschickt und dann erneut von den Statistikern erfasst. Zur Auswertung und für den Druck des alljährlichen Informationsfaltblattes »Zahlen, Fakten, Daten« mussten die Zahlen gar ein drittes Mal verarbeitet werden. Dies soll künftig entfallen.

Voraussetzung für eine echte Kostensenkung und Optimierung der Verwaltungsabläufe ist aber, dass alle Gemeinden mitmachen. Bestehen beide Wege, Papier- und Onlineerfassung, nebeneinander sind gar zunächst höhere Kosten zu befürchten. Eine weitere Frage stellt sich im Umgang mit den eingegebenen Zahlen: Wieviel Transparenz wollen die Kirchenleitung und Gemeinden? Was soll und darf online abrufbar, vergleichbar, auswertbar sein? Technisch stellen auch individualisierte Einzelabfragen - beispielsweise wie sich Gottesdienstbesuch oder Spendenaufkommen der eigenen Gemeinde im Vergleich zur Nachbargemeinde ausmachen - kein Problem dar.

Die Techniken, betont der für die erst verspätet angelaufene theologische Begleitung des Projekts zuständige Theologe Thomas Zeilinger, müssten unbedingt von Verdachtsmomenten frei und Sicherheit gewährleisten. Weil sich einige bei einer Abwicklung des E-Mail-Verkehrs über die landeskirchlichen Rechner fragten, »Wer liest meine Mails?«, werde man künftig auch Verschlüsselungstechniken anbieten.

Viel Vernetzung, wenig Zentrale

Überhaupt setzt das Projekt erkennbar auf Kooperation, Überzeugung durch Dienstleistung und die Entwicklung von Lösungen gemeinsam mit den Anwendern. Zur Vielzahl von Pilotpartnern aus allen Bereichen der Landeskirche gehört auch das Sonntagsblatt. Friedrich: »Wir vernetzen nicht von oben nach unten, sondern dezentral, nach dem Motto ›So viel Vernetzung wie möglich, so wenig Zentrale wie nötig‹«.

Dennoch, es bleiben Fragen, die aber bewusst durch die theologische und wissendchaftliche Begleitung aufgegriffen werden sollen. Zu den Fragen wird auch der »Digital Divide« gehören - die Trennung in Menschen, die »drin« sind, zur schönen neuen digitalen Welt Zugang haben, und denen, die draußen bleiben müssen. Das Internet ist - noch immer - ein Medium der Jungen, der gut ausgebildeten Jungen. Nun könnte man sagen, das Problem löse sich biologisch irgendwann sozusagen von selbst - bei einem Projekt der Kirche, in der eine beträchtliche Zahl gerade von ehrenamtlich Mitarbeitenden kaum oder keine Erfahrung im Umgang mit Computern hat, ist die Frage der Zugangsmöglichkeiten aber entscheidend.


  Angebot für Gemeinden und Dekanate: www.musterwebsite-evangelisch.de.

Repro: sob

Das erste Jahr des Projekts war vor allem davon geprägt, Strukturen zu entwickeln und sich zu organisieren. Neben diesen grundlegenden Arbeiten gibt es aber eine ganze Reihe von handfesten Projekten die bereits umgesetzt wurden: von sicheren E-Mail-Adressen für Mitarbeiter über Datenbanken bis zu einer Vielzahl von gebündelten Informationen. Über »Musterwebsites« (www.musterwebsite-evangelisch.de) will man nun auch den Gemeinden ein erschwingliches Angebot machen, die bislang noch nicht im Internet vertreten sind. Landesbischof Friedrich freute sich, »dass man schon etwas anfangen kann mit dem Intranet - auch als ganz normaler Nutzer wie ich«.

Eine Erfahrung der Kommunikationsinitiative, des Marktplatzes im Internet, bestätigt sich nun allerdings auch in den nur schwach genutzten Intranet-Foren: Eine ausgeprägte »Online-Diskussionskultur«, so Projektleiter Marius Strecker, gebe es im kirchlichen Bereich offenkundig noch nicht.

Markus Springer


Nr. 2 - Februar 2003




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