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Die journalistischen Formen im Gemeindebrief

Es darf nicht alles Predigt sein

Dass das Kleingedruckte am wichtigsten ist, gilt meistens auch für den Gemeindebrief: Veranstaltungstipps, Gottesdienstanzeiger und Personalnachrichten, das sind die informativen Kernstücke des Gemeindebriefes, die - aufgespießt an der Pinnwand - den Rest um einige Wochen überleben. Alles, was sich um den nachrichtlichen Teil gruppiert, hat es da schon schwerer, das Leserinteresse zu wecken: Themenorientierte Strecken, Verkündigung und Meinungsbeiträge - von den Gemeindebriefredaktionen oft mit viel Aufwand erstellt - sind ohne vordergründigen Nutzwert und wandern deshalb oft ungelesen in den Papierkorb.

Welche journalistische Form?

  In der Gemeinde passiert was. Was steht dazu im Gemeindebrief? Bericht, Reportage oder Meditation?
Dies kann an einem mangelhaften Layout liegen - oder an einer weithin gepflegten Unschärfe der journalistischen Darstellungsformen: Kommentare, Essays, geistliche Worte sind in manchen Gemeindebriefen kaum zu unterscheiden. Alles ist ein bisschen Predigt - und überall taucht das anscheinend unvermeidliche »Ich« des Autors auf oder das wenig bessere »Wir«. Positiv formuliert: Eine Vielfalt klar erkennbarer journalistischer Gattungen macht den Gemeindebrief attraktiv und lesenswert.

Die Nachricht

Die kürzeste aller journalistischen Darstellungsformen und die wichtigste, denn jede andere Form basiert auf einer Nachricht, auf einer Neuigkeit. In einer kurzen Meldung werden die wichtigsten Aspekte eines Vorgangs transportiert. Dazu braucht es keine Ausschmückungen und keine Adjektive. Gemeldet wird zum Beispiel, dass sich wegen Straßenbauarbeiten der Chorraum der Kirche absenkt und dadurch der hintere Teil der Kirche vom Einsturz bedroht ist. Wichtig ist dabei zunächst nicht die Meinung des Autors, sondern die Fakten, die in den sieben W's transportiert werden: WAS geschieht WANN und WO durch WEN, WARUM, WIE kam es DAZU, und WER teilt dies mit.

Der Bericht

Der Bericht ist der große Bruder der Nachricht. Auch er enthält die sieben W' s, berichtet werden die Details der Schäden an der Kirche. Der Bericht kann eine szenische Einleitung haben (Durch die Markuskirche geht ein Riss...), er ist ausführlicher und farbiger als die Nachricht, Betroffene kommen zu Wort: der Mesner, Pfarrer oder Bauausschuss-Leiter des KV).

Das Interview

Auch das Interview gehört zu den berichtenden Stilformen. Die Meinung des Interviewers spielt keine Rolle, es geht allein um die Informationen und die Meinung des Interviewten. Es lebt deshalb von guten Fragen. Der Riss im Chorraum ist inzwischen für jedermann sichtbar - auch für Leute, die draußen vorbeilaufen und nie in den Gottesdienst kommen. Ein aufhellendes Interview mit einem Fachmann im Gemeindebrief (auf der ersten Seite angekündigt) ist auch für Außenstehende interessant. Was ist da los? Fällt jetzt die Kirche ein? Was kann man tun? Ein offensiver Umgang kann das Interesse von so genannten Distanzierten an der Gemeinde wecken. Zum Interview gehört ein aussagekräftiges Bild mit dem Interviewten. Mindestens ein Passbild, besser noch ein Foto, wie der Kirchenbaumeister neben einem zerbröselnden gotischen Fenster seine Hand in den klaffenden Riss steckt. Es entspricht übrigens gutem jornalistischem Brauch, ein Wortlautinterview noch einmal gegenlesen zu lassen - nicht zur Zensur, sondern um Missverständnisse zu vermeiden.

Die Reportage

In der Gemeindebrief-Publizistik ein eher selten gebräuchliches Genre. Warum aber nicht einmal aus der Gemeinde reportieren? Eine Reportage über einen Tag auf der Diakoniestation vermittelt stillen Kirchensteuerzahlern bestimmt mehr Informationen als die Zahlen des Jahresabschlussberichtes. Die Reportage führt den Leser nahe an ein Geschehen heran. Sie arbeitet mit dem Inter-esse (Dazwischen-sein) des Lesers, zieht ihn in eine Geschichte rein, nicht um Meinung zu machen, sondern um seine Urteilsfähigkeit zu verbessern. Eine sorgfältige Recherche ist notwendig, um ein Thema einzukreisen und zu reportieren.

Die Glosse

Im Ernst: Bei Kirchens versteht man keinen Spaß, die ecclessical correctness gilt mancherorts als fünftes Evangelium. Also: Was hat eine Glosse im Gemeindebrief verloren? Das gibt nur Ärger, garantiert! Eine Glosse ist ein Meinungsbeitrag, in dem ein Thema witzig auf die Hörner genommen wird. Gute Glossen sind kurz und prägnant. Übertreibungen, Einseitigkeiten, Parteinahmen und Pauschalisierung sind erlaubt, Ironie darf sein - aber Zynismus hat in einer Glosse nichts verloren. Bei einem ernsten Thema ist auch derbe Kritik gestattet.

Der Kommentar

Ein Kommentar gehört in jeden Gemeindebrief. Hier sagt ein mit Namen benannter Autor seine Meinung zu einem streitbaren Thema. Wenn die nötigen Fakten nicht bekannt sind oder in einem Bericht mitgeliefert werden, bemüht sich der Kommentator, den Leser auf den nötigen Informationsstand zu bringen. Ziel des Kommentars ist nicht Ausgewogenheit, das »sowohl als auch«, sondern eine pointierte Meinung zu einem aktuellen Vorgang oder einer Entwicklung (gegen Werbung am Baugerüst, für Mobilfunkantennen auf dem Kirchendach...). Der Kommentar lebt von guten Argumenten, Ziel ist nicht die Verbreitung der eigenen Meinung, sondern die Meinungsbildung beim Leser, Widerspruch eingeschlossen. Das Wort »Ich« kommt im Kommentar nicht vor.

Das Geistliche Wort

Andachten im Gemeindebrief zu Erntedank, Ostern oder Weihnachten sind streng vom gesprochenen Wort in der Predigt zu unterscheiden. Von einer Zweitverwertung ist deshalb abzuraten. Weil nicht mit der lautsprachlichen Betonung gearbeitet werden kann, sind kurze, unverschraubte Sätze wichtig. Die »Sprache Kanaans« von Sünde und Gnade, aber auch theologischer Fachjargon von der Präexistenz bis zur Eschatologie müssen allgemein verständlich ausgedrückt werden. Zielgruppe des Gemeindebriefes sind nicht nur die Gottesdienstbesucher, sondern alle Kirchenmitglieder. Im Grunde lebt ein Text von einer einzigen nachdenkenswerten Aussage, die griffig und verständlich rübergebracht werden muss.

Das Editorial

Viele Gemeindebriefe beginnen im Entree mit einem Brief der Pfarrerin oder des Pfarrers. Hier ist jeder im Stil frei, hier haben anregende Gedanken aller Art ihren Platz. Wichtig ist jetzt nur noch, dass der Text gut geschrieben ist, nicht mit einem abgedroschenen Einstieg daherkommt (Als ich neulich im Zug...) und nicht pausenlos appelliert, fordert, mahnt. Insbesondere sollte man nicht ständig neue Kulturen fordern: Die »Kultur des Erbarmens« kennen wir schon, auch die »Kultur des helfenden Handelns« oder (neu) die »Kultur der gegenseitig wertschätzenden Wahrnehmung«.

Die Bildmeditation

Eine Bildbetrachtung analysiert und beschreibt ein Bild, eine Bildmeditation dagegen assoziiert und benutzt das Bild als Vehikel geistreicher Gedanken. Wenn der gedankliche Spaziergang nachvollziehbar ist, dann ziert er den Gemeindebrief.

Helmut Frank


Nr. 10 - Oktober 2002



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(Nr. 4/03 - Ende)




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