Kirchliche Mobbingberatung stark nachgefragt - ein differenzierter Jahresbericht liegt vor
Der Kollege mobbt - und der Chef macht mit
Ist das nun eine gute Nachricht oder eine schlechte? Jedenfalls ist die Konflikt- und Mobbingarbeit des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt der bayerischen Landeskirche (KDA) von Betroffenen gut angenommen worden.
Dem im August in Ingolstadt veröffentlichten Jahresbericht 2001 zufolge wurden 439 Telefongespräche zum Thema Mobbing geführt sowie 46 persönliche Beratungsgespräche.
Die persönlichen Beratungsgespräche wurden vom KDA statistisch ausgewertet. Demnach wandten sich 14 Männer und 32 Frauen wegen Mobbing an die Beratungsstelle. Knapp die Hälfte der Befragten (24 Personen) litt bereits seit über einem Jahr an der Situation und erlebte Mobbinghandlungen ein- bis drei Mal pro Woche (22 Personen).
Seit Juni 2001 bietet die kirchliche Beratungsstelle diese Konfliktberatung in der Arbeitswelt (In dieser Beilage »Kirche konkret und kontrovers« wurde darüber wiederholt berichtet). Dieses Angebot sei eingerichtet worden, weil die meisten Betroffenen »erst dann in die Beratung kommen, wenn die Situation schon eskaliert ist«, so der KDA.
Bedarf besteht auch am Arbeitsplatz Kirche selbst. Wie der Ingolstädter Konfliktberater Thomas Thöne berichtete, seien auch Tagesseminare für Mitarbeitervertretungen im Bereich der verfassten Kirche und der Diakonie durchgeführt worden. Ein Ziel von Thönes Arbeit ist es unter anderem, Dienstvereinbarungen an den Arbeitsstellen zum Thema Mobbing abzuschließen. Beim Krankenhauszweckverband Ingolstadt ist das Thöne bereits gelungen.
Mobbing ist ein weit verbreitetes Phänomen, unter dem immer mehr Menschen vor allem in der Arbeitsplatzsituation leiden. Im schlimmsten Fall kann Mobbing sogar Auslöser für akute und chronische Krankheiten sein. Mobbing schadet dem Einzelnen genauso wie der ganzen Dienststelle. Durch Mobbing kommt es in Organisationen zu: Ausfall- und Fehlzeiten, reduzierter Leistungsfähigkeit und -bereitschaft, Reibungsprozessen und aufgrund der schlechten Stimmung oft zu einer reduzierten Motivation bei allen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen.
Das Wort »Mobbing« kommt vom englischen »to mob« und bedeutet, dass Menschen über etwas herfallen oder sich auf etwas stürzen. Im Deutschen ist der Mob eine Horde von Menschen mit schlechtem Benehmen und kriminellem Verhalten.
Der KDA Ingolstadt behandelt das Thema Mobbing seit bald zehn Jahren. Seit 1996 ist die Mobbing-Beratung eingerichtet und wurden Mobbing-Selbsthilfegruppen gegründet. Die Beratung ist hoch sensibel und von Emotionen belastet. Thöne, der auch Mediator ist, erzählt von Wutausbrüchen und Tränen.
Patentrezepte gegen das Phänomen gibt es freilich nicht, meint Thöne. Neben der individuellen Konfliktanalyse werden dem »Klienten« auch seine rechtlichen Möglichkeiten aufgezeigt.
Eine »faire Streitkultur«, so Thöne, verhindert am Arfbeitsplatz selbst (wie auch in der Gesellschaft insgesamt) am ehesten ein Mobbing. Und wer wird am ehesten gemobbt? Thöne: »Jeder kann das nächste Opfer sein.«
Und wer mobbt? Da belegen Thönes Zahlen, dass Mobbing keinesfalls allein Angelegenheit von Kollegen ist. Der Chef mobbt genauso.
lt/epd