Gemeindebriefwerkstatt - Schreibwerkstatt
Zum Lesen verführen
Der Gemeindebrief - das weithin unterschätzte Medium. Größte Reichweite erzielend, oft aber so gemacht, als ob er - wie eine Vereinszeitung - nur einen internen Kreis ansprechen möchte. Unter diesen stichwortartigen Thesen haben wir uns in besher sechs Folgen mit Gemeindebriefpublizistik beschäftigt: mit Zielgruppe und Publikationszweck, Konzeption und Gliederung, Leserreaktionen und Themenfindung, mit Layout, insbesondere Bildauswahl und Layout-Programmen. Nun aber geht`s zum Eigentlichen: Wir schreiben einen Text. Und fragen uns: Was zeichnet gutes Deutsch, einen guten Text im Gemeindebrief aus?
Am Anfang steht die Erkenntnis, dass man gutes Deutsch, dass man einen guten Stil erlernen, sich erarbeiten kann. Es mag ein paar Schreibmeister, meisterliche Autoren geben, die als solche bereits vom Himmel gefallen sind. Das ist die Ausnahme. Die Regel ist aber, dass ein jeder der Deutschen Sprache Mächtige, ein bisschen Talent vorausgesetzt, eine gute Schreibe entwickeln, einüben, wie ein Handwerk sich erarbeiten kann. Auch für einen Goethe galt: Genie ist viel, das meiste aber ist Mühe, Plage, eben: Arbeit, die zu tun man gelernt hat.
Es leuchtet einem unmittelbar ein die zweite Erkenntnis: Feste, eindeutige, end- und alleingültige Regeln für gutes Deutsch gibt es eben nicht. Es gibt Regeln, Lehrsätze in der Mathematik und in den Naturwissenschaften, aber bereits die Regel »Nur ein kurzer Satz ist ein guter Satz« (die es etwa bei der Nachrichtenagentur dpa gibt: Kein Satz soll länger als 16 Wörter sein) lässt sich schnell widerlegen, indem man zum Beispiel auf einen guten langen Satz von Thomas Mann hinweist.
Ah, Sie mögen Thomas Manns Stil eigentlich nicht so sehr? Daraus folgt eine weitere Erkenntnis: Den selben Text, den selben Autor findet der eine gut, die andere schrecklich! Übrigens: Thomas Manns Manuskript »Die Buddenbrooks« wurde von mehreren Verlagen abgelehnt. Kein Lektor sah den Nobelpreis voraus.
Ist das nicht ein Trost, falls Ihre Gemeindebriefredaktion einen Text von Ihnen so nicht drucken will? Es ist tatsächlich für einen Autor, auch für jeden Journalisten tröstlich zu wissen, dass es vielerlei Arten von Kritiken gibt. Wer schreibt und gelesen werden will, muss mit Kritik rechnen. Kein Text ist sakrosankt. Ihr Text mag in Ihren Augen, vielleicht sogar nach dem Geschmack der meisten ein guter Text sein, es wird immer jemanden geben, der Hohn und Spott über Ihren Text ausgießt.
Nun aber, dritte Erkenntnis: Es gibt ein paar Regeln für einen guten Stil. Diese Regeln sind einerseits bewusste Wertentscheidungen, sie leiten sich andererseits her aus einer Leserforschung, die mehr oder weniger statistisch feststellt, was die Leute gerne lesen und was sie nicht so gerne lesen beziehungsweise nicht verstehen.
16 Wörter in der Girlande
und nicht mehr!
Zum Beispiel kann kein Mensch einen Schachtelsatz verstehen, wenn der in den Hauptsatz (oder übergeordneten Satz) eingebettete Nebensatz länger als 16 Wörter ist. Warum? Weil man, am Ende des Schachtelsatzes angelangt und völlig ermüdet von der 16 Wörter langen Einflechtung eines Gedanken wie diesen, den Anfang des übergeordneten Satzes bereits vergessen hat. Stimmt`s?
Daraus folgt die Regel, dass Sätze, wenn sie schon lang sind, möglichst in sich gereiht sind. Das bedeutet: Die Aussagen der einzelnen Satzteile werden der Reihe nach abgeschlossen, bevor der jeweils nächste Satzteil folgt, so dass der Leser die Aussagen nicht in sich verschlungen wahrnimmt, sondern so, als ob eins aus dem anderen hervor geht. (Anmerkung des Autors: Dieser letzte Satz ist mit 36 Worten unverschämt lang; er ist aber, wie ich meine, gerade noch genießbar, weil er eben hübsch portioniert ist.)
Also nochmals die dritte Erkenntnis am Beispiel des Schachtelsatzes: Es gibt Regeln für gute Sätze, die aus der Leserschaftsforschung hervorgehen oder/und auch eine bewusste Entscheidung für einen guten Stil sind. Meine Empfehlung, was die Länge der Sätze betrifft und ihre Art: Wechseln Sie ab! Mal kurze Sätze, dann wieder lange, das schafft Spannung! Logisch ist: Kurze, einfache Gedanken in kurze Sätze, komplizierte Sachverhalte erläutern wir im langen Satz. Reihen Sie Ihre Gedanken statt sie ineinander zu mixen. Einsichtig auch diese Regel: Wichtige, zentrale Aussagen, eben die Hauptsache packen Sie in den Hauptsatz, während dem Nebensatz das Erklärende, Beiläufige, Nebensächliche, Nach- und Untergeordnete vorbehalten ist.
Das ist, in wenigen Worten, eine Satzlehre (ich wiederhole die Einschränkung von oben: Dies sind keine Lehrsätze, sondern Empfehlungen, über die sich allerding wohl die meisten Schreibprofis einig sind). Es gibt, in diesem Sinne, auch eine Wortlehre: Vermeiden Sie Hauptwörter, wo es nur geht, vor allem die Hauptwörter, die mit -ung oder -heit oder -keit enden und abstraktes, nichts Gegenständliches meinen.
Setzen Sie viel mehr auf die Verben (früher nannte man sie: Tun-Wörter). Die Weiterentwicklung des kirchlichen Handlungsfeldkonzeptes soll in die Erprobungsphase gehen? Schrecklich! Es muss heißen: Ein Konzept wird weiter entwickelt und dabei erprobt. Sie führten für den Gemeindebrief eine Befragung durch? Falsch, vielmehr befragten Sie. Noch besser: Sie fragten nach. Nehmen Sie am besten die Tunwörter, die nur aus ihrem eigentlichen Kern, dem Stammwort, bestehen. Ermahnen, befragen, vermelden? Lieber mahnen, fragen, melden.
Nämliches gilt für Adjektive, auf deutsch: Eigenschaftswörter. Das furchtbare Adjektiv »verstehbar« muss durch das Tunwort »verstehen« ersetzt werden, also bauen Sie Ihren Satz um! Gute Adjektive müssen natürlich bleiben, aber vielleicht kann man sie durch noch bessere ersetzen? Die entsprechende Regel sagt, dass man möglichst den engeren, anschaulichen Begriff wählt. Bunt, vielfarbig war das Meer der Flaggen am Frankfurter Römer? Besser: Viel schwarz, rot und gold war zu sehen; ein bisschen grün war aber auch dabei (nämlich für Brasilien).
Die alte Luther-Regel:
Den Leuten aufs Maul schauen
Wir sind fast am Ende einer stark gerafften Stilkunde angelangt (als Stilkunde-Buch, das es in fünf Jahren zum Klassiker gebracht hat, empfiehlt sich: Wolf Schneider, Deutsch für Kenner - Die neue Stilkunde, Piper München 1996, 9,90 Euro). Zum Schluss aber eine ziemlich umfassende Regel, die wie ein Allgemeinplatz klingt, also selbstverständlich sein müsste, gegen die aber trotzdem immer wieder verstoßen wird:
Am besten schreiben Sie, wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist! Oder mit Luther gesagt: Schauen Sie den Leuten aufs Maul. Schreiben Sie wie Sie reden. Da ist - wörtlich zitiert - in unserer Kirche von einer »Struktur zur Schaffung einer Kultur der gegenseitigen wertschätzenden Wahrnehmung« die Rede. Nein, das ist keine Rede, so spricht kein Mensch, der frei spricht, das ist aufgeblasenes Deutsch, aus dem die leere Luft raus muss!
Lesen Sie Ihren eigenen Text laut vor, dann fällt Ihnen schnell auf, wenn Sie gespreiztes, geblähtes, papierenes Deutsch geschrieben haben. Lebendig, anschaulich soll`s sein: Selbst und gerade die kompliziertesten Gedanken müssen in den einfachsten Worten daherkommen, damit man sie versteht. Damit wir einander verstehen! Das ist nämlich mit jener »Kultur der gegenseitigen wertschätzenden Wahrnehmung« gemeint. Wir wollen doch unsere Leser nicht abschrecken, sondern im Gegenteil dazu verführen, unseren Text mit Vergnügen zu lesen.
Lutz Taubert