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Weil vor der Wahl »Familie« propagiert wird:

Galgenfrist für Mütterkuren

Mutter mit Kindern
Mutter mit Kindern
  Mütter und Kinder haben nun einmal keine so starke Lobby wie etwa die Ärzte oder die Pharmaindustrie. Foto: Archiv

Die Kurenarbeit des Bayerischen Mütterdienstes ist noch keineswegs gesichert. Von der Meldung Anfang April waren die Betroffenen erst einmal wie vom Donner gerührt: Ab sofort wollten die allgemeinen Ortskrankenkassen Mütterkuren und Mütter-Kind-Kuren nur noch zur Hälfte finanzieren, die andere Hälfte sollten die Mütter selbst aufbringen. Begründung der AOK: Eigene Finanzprobleme infolge der Gesundheitsreform, viele junge, gesunde Mitglieder sind zu anderen Kassen abgewandert.

Dass eine solche Entscheidung für die betroffenen Mütter und Kinder, aber nicht weniger für die Betreiber der entsprechenden Kureinrichtungen geradezu katastrophale Folgen haben müsste, war für die Entscheidungsträger in der Kasse offensichtlich zweitrangig: Mütter und Kinder haben nun einmal keine so starke Lobby wie etwa die Ärzte oder die Pharmaindustrie.

So hatte es wieder einmal den Anschein, als sollte sich das alte böse Sprichwort bewahrheiten: Die letzten beißen die Hunde. Erstaunlicherweise jedoch gelang es den Betroffenen, allen voran der Belegschaft und den Gästen des Mutter-Kind-Kurheims des Bayerischen Mütterdienstes im oberbayerischen Aschau, ihren Protest gegen diese für sie unerträgliche Entscheidung ungewöhnlich schnell und effektiv in die Öffentlichkeit zu bringen.

Und vermutlich hatte man auch relatives Glück mit dem Zeitpunkt: Im Vorfeld der Bundestagswahlen, wo so ziemlich alle Parteien wieder einmal das Thema »Familie« als wohlfeilen Werbeträger entdeckt haben (woran man sich nach der Wahl mit trauriger Regelmäßigkeit nicht mehr so recht erinnert), musste eine solche Entscheidung der AOK geradezu kontraproduktiv wirken.

Nach entsprechenden Signalen aus dem Berliner Gesundheitsministerium, man plane die Finanzierung von Mütterkuren und Mutter-Kind-Kuren als Pflichtleistung der Krankenkassen zu verankern, machte denn die AOK auch einen eiligen Rückzieher: Wenigstens bis zum 1. Juli will sie nun die Kuren wieder wie bisher finanzieren, und falls den Berliner Absichtserklärungen auch Taten folgen, auch darüber hinaus. Ob dies mehr ist als nur eine Galgenfrist für die Müttergenesungskuren, das ist im Moment die spannende Frage.

Zur Euphorie jedenfalls besteht nach den bisherigen Erfahrungen kein gesteigerter Anlass: Allzu oft sind vollmundigen Ankündigungen nach überstandenen Wahlen eben nicht die entsprechenden konkreten Schritte gefolgt. Und dass das Thema Familie über den 22. September hinaus plötzlich einen ganz neuen, sich auch in der Praxis auswirkenden Stellenwert bekommen wird, darf füglich bezweifelt werden.

Eher ist das Gegenteil zu befürchten: Fachleute prophezeien schon jetzt nach einem notwendigen Kassensturz im Herbst schmerzhafte bis grausame Einschnitte gerade im Sozialbereich. Kann, wird im konkreten Fall des Bayerischen Mütterdienstes, der sich ja neuerdings »FrauenWerk Stein e. V. in der Evang.-Luth. Kirche in Bayern« nennt, die Kirche in die Bresche springen?

Auch in ihren offiziellen Verlautbarungen wird ja mit höchst positiven bis vollmundigen Worten zum Thema »Familie« nicht gespart. Doch auch hier gilt: Schöne Worte sind das eine, entsprechende Taten etwas anderes: noch dazu angesichts eines kirchlichen Haushalts, der ja selber - wie man derzeit wieder schmerzlich vor Augen geführt bekommt - überaus abhängig ist von der gesamtwirtschaftlichen Lage.

Andererseits ist auch nicht zu übersehen: Die möglicherweise drohenden Einschränkungen im Kurenbereich lassen die übrigen Arbeitsbereiche des »Steiner FrauenWerks« etwa in den Familienbildungsstätten oder der Erwachsenenbildung mit Sicherheit nicht unberührt, es geht hier insgesamt um etwa 200 Arbeitsplätze. Ganz abgesehen von den ungezählten Frauen, Kindern und Familien, für die die Angebote aus Stein oft der letzte Rettungsanker in mitunter schier aussichtslosen Situationen sind. Wäre das nicht Anlass genug für eine mutige kirchliche Prioritätensetzung?

Hartmut Weber

Nr. 5 - Mai 2002




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