Gemeindebrief-Werkstatt: Wie werden Publikationen der Kirche wahrgenommen?
Rückmeldung der Leserinnen und Leser
Der Briefkasten füllt sich: schlichte Postkarten, Karten mit einem biblischen Spruch oder einer Lebensweisheit auf der Rückseite, sogar einige Ansichtskarten mit Sonne, Strand und Sand. Es ist Sommer(urlaubs)zeit und damit Zeit für das alljährliche »Monatsgruß-Sommer-Rätsel«. Seit knapp zehn Jahren gehört das große Rätsel auf der Rückseite der August-Nummer zum festen Bestandteil des Monatsgrußes, des Gemeindebriefs für die evangelischen Kirchengemeinden in Fürth. Mal locken Eintrittskarten für örtliche Kirchenkonzerte, Theateraufführungen oder für Sportveranstaltungen (natürlich für die SpVgg Greuther Fürth und nicht etwa für den 1. FC Nürnberg) als Gewinne, mal verspricht der Hauptgewinn einen ausgiebigen Brunch mit einem kirchlichen Mitarbeitenden freier Wahl, etwa einem Kirchenmusiker oder einer Pfarrerin (Gottesdienstbesuch inklusive).
Das Sommerrätsel, von einer Fürtherin jedes Jahr neu ausgedacht und daher mit aktuellen (kirchlichen) Fürther Fragen gefüllt, setzt die Monatsgruß-Redaktion als einen Baustein zur Kommunikation mit den Leserinnen und -lesern ein. Immer wieder enthalten die eingesandten Karten neben dem gesuchten Lösungswort kurze Kommentare der Rätselfreundinnen und -freunde. Gelegentlich mündet eine Äußerung zum Rätsel in einen kurzen Leserbrief. Als beispielsweise als Trostpreis ein von der Monatsgrußredaktion ausgefüllter und bezahlter Lottoschein lockte, schrieb etwa ein Leser: »Gerne gewinne ich einen der drei Hauptpreise. Den Lottoschein will ich aber nicht, da ich als Christ solche Glücksspiele ablehne.«
Der Gemeindebrief ist stets mehr als eine »Ein-Weg-Kommunikation«. Das Produkt nimmt den Weg vom Absender, der Kirchengemeinde, hin zum Empfänger, die evangelischen Kirchenmitglieder. Dort angekommen ist die Kommunikation noch lange nicht zu Ende, sondern geht auf vielfältige Weise weiter: Entweder wirft der (potenzielle) Leser oder die (potenzielle) Leserin als eine Form von Kommunikation den Gemeindebrief gleich weg (was im Übrigen nur eine Minderheit tut). Oder der Gemeindebrief wird betrachtet, durchgeblättert oder gelesen. Je nach Art der Nutzung, speichert daraufhin der Leser oder die Leserin beispielsweise eine Information, etwa den Termin des Familiengottesdienstes an Ostern oder den Geburtstag der 70-jährigen Nachbarin. Indem der Empfänger das Produkt Gemeindebrief individuell nutzt und die angebotenen Informationen je nach eigenem Interesse verwertet, wandelt sich zum einen die »Ein-Weg-Kommunikation« zur »Mehr-Weg-Kommunikation« und erfolgt zum anderen ein Feedback des Empfängers zum Absender.
An der Zahl und den inhaltlichen Aussagen von Leserbriefen lässt sich daher lediglich ein kleiner Ausschnitt des Feedbacks auf den Gemeindebrief einer Kirchengemeinde ablesen. Der weitaus größte Teil bleibt - wie eben skizziert - unausgesprochen und damit den Macherinnen und Machern eines Gemeindebriefs unbekannt. Gehen bei einer Redaktion kaum oder niemalsLeserbriefe ein, ist das also kein Gradmesser, wie viel oder wie wenig Gemeindebriefe tatsächlich genutzt werden. Dennoch lohnt es, die Leserinnen und Leser immer wieder zu ermutigen, die eigene Meinung öffentlich zu artikulieren, etwa in Leserbriefen, oder bei anderen Leseraktionen mitzumachen.
Wer genau wissen will, wie gut der eigene Gemeindebrief bei den Leserinnen und Lesern tatsächlich ankommt, kommt um eine Umfrage nicht herum. Um jedoch tatsächlich repräsentative und damit verlässliche Daten zu ermitteln, muss die Befragung professionell vorbereitet und realisiert werden, was natürlich Zeit, Geld und Arbeitskraft kostet. Wenn sich die Verantwortlichen für den Gemeindebrief diesen Aufwand nicht leisten können und nicht leisten wollen, stehen ihnen zwei andere Möglichkeiten offen, um dennoch mehr über die Nutzung des Gemeindebriefs zu erfahren. Der eine Weg geschieht in Form eines Meinungsbilds, das vorneherein keinen Ansspruch auf Repräsentativität erhebt, also beispielsweise eine Befragung auf dem Marktplatz, bei einem Gemeindefest oder mit Hilfe eines Fragebogens, der dem Gemeindebrief selbst beigelegt wird. Freilich sind bei diesen Methoden keine Wunderdinge zu erwarten; so zählt etwa ein Rücklauf von fünf Prozent ausgefüllter Fragebögen als gutes (aber nicht repräsentatives) Ergebnis.
Der zweite Weg ist es, sich die Zahlen von großen professionellen Untersuchungen über Gemeindebriefe in Deutschland insgesamt zu vergegenwärtigen und - mit einer gewissen Toleranzbreite - auf den eigenen Gemeindebrief umzurechnen. Nach einer 1995 veröffentlichten Studie des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (GEP) nutzen 67 Prozent aller evangelischen Kirchenmitglieder regelmäßig oder gelegentlich einen Gemeindebrief. In der Altersgruppe von 14 bis 29 Jahre sind es 46 Prozent (also fast die Hälfte aller Jugendlichen und jungen Erwachsenen), in der Gruppe von 30 bis 49 Jahre sind es 72 Prozent und in der Gruppe ab 50 Jahre sind es 76 Prozent. Am interessantesten finden die Leserinnen und Leser unter anderem Berichte aus der Kirchengemeinde (62 Prozent), Beiträge und Informationen über Amtshandlungen (59 Prozent), Veranstaltungshinweise (59 Prozent) und Gottesdiensthinweise/Einladungen (54 Prozent). Auf weniger Interesse stoßen dagegen Berichte aus der Landeskirche (17 Prozent), geistliche Beiträge/Bibelinterpretationen (22 Prozent) und Bibelzitate (23 Prozent).
Roland Gertz