Die bayerische Landeskirche baut ein internes digitales Netzwerk auf
Horrorvision oder Zukunftsmodell?
Für manche Zeitgenossen ist das Bild einer vernetzten Gesellschaft die Horrorvision schlechthin, für andere ist es das Zukunftsmodell. Mit nicht unerheblichen Geldmitteln und gezieltem Personaleinsatz setzt die bayerische Landeskirche auf das Modell Zukunft und baut deshalb in den kommenden Jahren ein landeskirchenweites Netzwerk auf. Intranet heißt das Medium, das für Marius Strecker, der dieses bundesweit einmalige Projekt innerhalb der Kirche koordiniert, »große Chancen für die kirchliche Arbeit« darstellt.
Alle Bereiche der landeskirchlichen Arbeit, ob Gemeinden oder kirchliche Werke und Einrichtungen, sollen in den nächsten drei Jahren unter einem Dach versammelt werden. Elektronisch wohlgemerkt unter dem Dach, das das Internet bietet. Die Landessynode der bayerischen Kirche hat dieses Projekt »Vernetzte Kirche« als umfassende Reaktion auf die Herausforderungen der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien beschlossen. Nach Ansicht Streckers dürfe die Kirche nicht in eine Situation kommen, in der sie auf diese Entwicklungen nur noch reagieren könne. »Wir müssen sie aktiv mitgestalten.«
Deshalb seien auch Projektmittel bereitgestellt worden, um landeskirchenweit die Basis für dieses so genannte Querschnittsprojekt zu schaffen. Aufgabe sei, die Aktivitäten und Programme der verschiedenen kirchlichen Arbeitsbereiche zu vernetzen und allen Mitarbeitenden zugänglich zu machen. Weil der Einsatz der neuen Technologien, so der Projektleiter Strecker, »vielfältige Auswirkungen auf unsere Art der Kommunikation, auf organisatorische Abläufe und Prozesse« hat, sei die dritte Säule des Projektes neben Intranet und Internet die theologische Begleitung. »Diese Säule des Projektes ist die Chance für die Kirche, eigenes Profil zu zeigen«, betont der Theologe. Im Gegensatz zu Unternehmen der freien Wirtschaft wolle die Landeskirche theologisch und ethisch reflektieren, was sie tut.
Kernstück des Projekts »Vernetzte Kirche« ist der Aufbau eines »Intranets«, eines kircheninternen Datennetzes. Dort können alle kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Einrichtungen Informationen austauschen, eine Plattform für unterschiedliche Formen der Kommunikation wie E-Mail oder Foren finden und bestimmte Anwendungen nutzen. »Eine Basisversion dieses Intranet-Webdienstes mit einigen Pilotpartnern steht bereits zur Verfügung«, erläutert Strecker. »Der Aufbau des Intranets ist so gestaltet, dass eine spätere Integration verschiedenster weiterer Partner möglich ist.« Eine Arbeitsgruppe aus Mitarbeitenden verschiedener Arbeitsbereiche von Kirchengemeinden über Diakonie und Verwaltung bis zur Mitarbeitendenvertretung habe an der Konzeption dieses Netzes mitgearbeitet. Die Inhalte eines Intranets könnten nach Ansicht Streckers sehr vielfältig sein und reichten beispielsweise von Amtsblatt, Rechtssammlung, Mitteilungen, Formblättern, dem Personalstand, Bibliotheksbeständen, Medien- und Expertendatenbanken, Diskussionsforen, Veranstaltungskalendern bis zu Lernhilfen und Stellenbörsen. Mit diesem Instrument neuer Technologie »verfügen alle Mitarbeitenden über aktuelle und zeitnahe Informationen, sparen Zeit und Kosten durch elektronische Verwaltungsabläufe, können Online-Arbeitshilfen für Gemeindearbeit, Religionsunterricht und Predigt nutzen und können sich in überregionalen Arbeitsgruppen schneller und besser austauschen«, betont der Koordinator. Ein solches Netz werde nicht zuletzt auch den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern helfen, sich besser untereinander zu vernetzen und ihre Erfahrungen, ihr Wissen und ihre Kompetenzen effektiver in ihre Kirche einbringen zu können. Unverzichtbar sind nach Ansicht Streckers deshalb Investitionen in technische Infrastruktur und in die Qualifizierung und Begleitung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
Helge Neuschwander-Lutz
»Wenn die evangelische Kirche in den nächsten zehn Jahren und mit den ihr gegebenen Ressourcen ihrem Auftrag gerecht werden will, muss sie die neuen Technologien und deren Bedeutung für eine veränderte Welt umfassend verstehen und nutzen.«
(Aus: »Studie: Kirche und Vernetzte Gesellschaft, Dezember 2000) |