Gemeindebrief Werkstatt
Erst Zielgruppe und Publikationszweck klären
Der Gemeindebrief ist ein stiller, weithin unterschätzter Medien-Riese mit - bayernweit gesehen - Millionenauflage, der zweierlei Chancen eröffnet: weitest reichendes Forum des Protestantismus, Chance zur kreativen Mitarbeit insbesondere für Ehrenamtliche in der Kirche. Er ist damit der Lernort für ehrenamtliches Engagement schlechthin. Das ist der Ansatz unserer Gemeindebrief-Werkstatt, die den Gemeindebrief-Machern konzeptionelle Überlegungen genauso wie praktische Tipps in die Hand geben möchte.
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Stellen wir uns einmal die Stunde Null der Gemeindebrief-Publizistik konkret vor: Die alte Gemeindebrief-Redaktion hat ihre Arbeit für beendet erklärt, zufälligerweise gibt es auch einen neuen ersten Pfarrer, und so sitzen in diesen Tagen in irgendeiner Gemeinde X in Bayern fünf Menschen, die man wie auch immer zusammengetrommelt hat, beieinander und grübeln. Sie stehen vor der ebenso reizvollen wie verzweifelt komplizierten Aufgabe, wie sie nun einen Gemeindebrief für die Osterzeit machen sollen.
Nun, sie könnten auf die Schnelle ein paar Termine und Themen sammeln und an Autoren vergeben und flugs noch den Umfang des Gottesdienstanzeigers kalkulieren, bis halt, nach ihrem Gefühl, so ungefähr 16 Seiten voll sein müssten
Sie könnten aber auch die Chance ergreifen, sich über ein paar grundsätzliche Dinge klar zu werden, bevor sie sich in die anstehenden Themen dieser Osterausgabe versenken. Diesen Weg wählen wir hier:
Für wen? Wozu?
Die zwei entscheidenden Fragen, auf die ein Gemeindebrief, jeder einzelne Beitrag wie auch das Heft in seiner Gesamtheit die richtige Antwort geben muss, lauten folgendermaßen:
- An wen soll sich unsere Publikation richten?
- Was bezwecken wir mit unserer Publikation?
Und darauf gibt es für den Gemeindebrief-Macher - noch vor aller theologischen Durchleuchtung - zwei sehr pragmatische Antworten.
Zu 1.
Der Name sagt`s: Der Gemeindebrief ist eben kein internes Mitteilungsorgan für Eingeweihte, für die Mitglieder eines Vereins, für die aktive Kerngemeinde (die oft nur fünf Prozent aller Christen sind), sondern ein Blatt für die Gemeinde, das heißt für alle Gemeindeglieder, und das heißt wiederum: in der Mehrzahl für Christen, die durch keine andere »Lebensäußerung« der Kirche mehr erreicht werden. Wir wenden uns nicht an Abonnenten, die sich für unser Blatt bewusst entscheiden, sondern wir sind ein Verteilblatt. Wir müssen - in allem Realismus - erkennen, dass die Zielgruppe des Gemeindebriefs überwiegend die so genannten »Randsiedler« sind, die Heilig-Abend-Christen, die Kasualien-Betroffenen, die in kirchlichen Dingen Ahnungslosen.
Zu 2.
Aus der Beschreibung dieser Zielgruppe und wiederum aus dem Namen - Gemeindebrief - resultiert bereits der Zweck unserer Publikation: Gegenstand des Publizierens ist die Christengemeinde am Ort und ihre Anliegen. Unserem in dieser Hinsicht ziemlich unaufgeschlossenem Leser-Publikum müssen wir also so kommen, dass es die Ortsgemeinde und ihre Anliegen als interessant empfindet. Wir müssen unsere Zielgruppe ansprechen, zum Lesen unseres Blattes regelrecht verführen, fesseln, es für die Anliegen der Gemeinde aufschließen.
Und wir sollten das nicht plump indoktrinierend, manipulierend tun - weil das heute kein Mensch mehr einem abnimmt und auch nicht zum Bild eines mündigen Christenmenschen passt -, sondern dies sollte die freundliche Einladung an einen souveränen Zeitgenossen sein, sich auf die Kirchengemeinde einzulassen. - Mit anderen Worten: Gemeindebrief-Machen funktioniert nach den Regeln des Journalismus. Gemeindebrief- und Lokaljournalismus ist ein Handwerk, das man lernen kann.
Schlussfolgerung aus 1. und 2.: Die Leser-Orientierung ist oberstes Gebot jeder Gemeindebrief-Publizistik. Das ist die Chance, das ist der ungeheuer hohe Anspruch, den der Gemeindebrief erfüllen muss.
Diese Zweck- und Zielbestimmung unserer Publizistik müssen wir stets im Auge behalten, ist quasi die Urvoraussetzung jeglichen Gemeindebriefmachens: sowohl bei der Themensuche, also auch - und darüber mehr in der nächsten Werkstatt - beim Konzeptionieren eines Gemeindebriefes.
Lutz Taubert
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