Der Gemeindebrief - das weithin unterschätzte Medium
Der stille Riese - Chance für Mitarbeit
Seine Gesamtauflage - obgleich bayernweit statistisch nicht zu erfassen, weil es über 1000 Einzeltitel sind - muss im Millionenbereich sein, und er erreicht vier von fünf Evangelische in Bayern: Der Gemeindebrief ist ein weithin unterschätztes Medium. Und er ist der ideale Lernort für ehrenamtliches Engagement.
Es gibt ihn in Din A 5 und in Din A 4, bunt oder nur schwarzweiß, eigenständig oder als Beilage zu Dekanatsblättern, nur die eine, die eigene Gemeinde umfassend oder eine ganze Stadtregion, und er erscheint hier vierteljährlich, dort monatlich: Der Gemeindebrief ist schon in äußerlichen Dingen so vielfältig, dass er sich eben jeder statistischen Erhebung entzieht.
Doch er ist - ohne Zweifel - die weitest reichende Äußerung der Kirche, an die kein »Wort zum Sonntag«, keine kirchliche Großveranstaltung und auch nicht der Gottesdienst heranreichen.
Roland Gertz, Referent im bayerischen Landeskirchenamt für Medien und Bildung, macht folgende Rechnung auf - und beruft sich dabei auf eine bundesweite Gemeindebrief-Studie von 1995: In rund 95 Prozent aller Kirchengemeinden gibt es einen Gemeindebrief. Dort gelangt er je nach Verteilsystem im Schnitt in 80 Prozent aller evangelischen Haushalte und wird von zwei Drittel der erreichbaren Personen auch tatsächlich wahrgenommen (das heißt: entweder regelmäßig oder gelegentlich genutzt). Daraus ergibt sich, dass zwischen 1,4 und 1,5 Millionen Protestanten in Bayern durch den Gemeindebrief tatsächlich angesprochen werden!
Auch inhaltlich sind die 1000 Gemeindebriefe denkbar vielfältig und damit ein Spiegelbild des bayerischen Protestantismus. »Es gibt keinen Standard«, sagt Roland Gertz, und man möchte hinzufügen, »und das ist gut so«. Gut ist auch, dass der Gemeindebrief - nach Gertz` Beobachtung - dabei ist, »sein Aschenbrödel-Dasein« abzulegen. Früher bestand, im schlechten Extremfall, das Gemeindebrief-Team aus dem Pfarrer und seiner Sekretärin: Sie tippte irgendwie georderte Texte und trug die Termine zusammen, er garnierte die Textkolumnen noch mit ein paar Sternchen aus einer Vorlage, und irgendwann in tiefer Nacht war man froh, wenn 12 Seiten vollgeklebt waren.
Heute wird, so Gertz, zunehmend die publizistische Chance gesehen, dass der Gemeindebrief »die Visitenkarte der Gemeinde« ist; die Qualität habe insgesamt zugenommen, das Layout besorgen oft Fachleute, der PC hat die Herstellung des Gemeindebriefs in technischer und organisatorischer Hinsicht einfach gemacht. Viele, nicht nur Pfarrer und Sekretärin, können sich am Gemeindebrief beteiligen.
Gemeindebrief-Werkstatt
Das ist auch der Ansatz der Sonntagsblatt-Gemeindebriefwerkstatt, die in dieser Mitarbeiterbeilage beginnt: Die gemeinsame Arbeit an einem Gemeindebrief ist wie kaum eine andere Arbeit in der Kirchengemeinde dafür geeignet, Mitarbeitende aus den verschiedensten Gruppen, der unterschiedlichen Kompetenzen an einem Ort zusammenzubringen. Eine Redaktion ist nicht etwa nur für Gemeindeglieder offen, die perfekt schreiben können; vielmehr sind daneben gefragt: Menschen, die Spaß haben an Gestaltung, an Bildern, am Fotografieren; Menschen, die gerne an Texten feilen (das ist etwas anderes als selber Texte zu schreiben) und pfiffige Überschriften, Bildzeilen etc. formulieren können. Grundsätzlich aber sollten in einer Redaktion Leute sitzen, die die Gruppen und den Kirchenvorstand widerspiegeln, die ganz einfach »Bescheidwisser« in Sachen Kirchengemeinde sind, Leute, die ein Gespür dafür haben, welche Themen »dran« sind, und die die großen Themen der Welt - Terrorismus, interreligiöser Dialog - gewissermaßen auf die Ebene der Ortsgemeinde herunterdeklinieren können.
Gertz: »Die Chance, in seiner Gemeinde etwas zu bewegen, ist groß.« Gemeindebrief-Arbeit ist also ein ideales Feld, ja geradezu ein Lern- und Erprobungsort für ehrenamtliches Engagement in der eigenen Kirchengemeinde. An ihm zeigt sich auch, wie Ehren-und Hauptamtliche zusammenarbeiten (Start der Gemeindebrief-Werkstatt auf der dritten Seite von »Kirche konkret«).
Lutz Taubert