Mitarbeiterjahresgespräch in der Kirche
"Die Zielvereinbarung gibt Perspektiven"
Die Einführung von Mitarbeiterjahresgesprächen im kirchlichen Bereich - genauer gesagt in 40 der 68 bayerischen Dekanate - vor ziemlich genau einem Jahr war von Hoffnungen, aber auch von großer Skepsis bei vielen Pfarrerinnen und Pfarrern begleitet. Für manche steht diese Veränderung in der Personalentwicklung für die Fortsetzung einer unheilvollen »Vermarktwirtschaftlichung« der Kirche, die sie - als Folge der Durchleuchtung der kirchlichen Strukturen durch die Unternehmensberatung McKinsey - in vielen Bereichen der Kirche wahrnehmen. Und manche fragen hinter vorgehaltener Hand, ob nicht doch das Neue Testament für die Kirche geeignetere und vor allem angemessenere Hinweise in Sachen Mitarbeiterführung und Personalentwicklung biete.
Gängige Praxis der freien Wirtschaft
Fest steht: Mit den Mitarbeiterjahresgesprächen übernimmt die Kirche nun eine gängige Praxis in größeren Unternehmen der freien Wirtschaft. Auch hier war die Einführung der jährlichen Vier-Augen-Gespräche zwischen Mitarbeiter und direktem Vorgesetzten vielfach von Befürchtungen seitens der Mitarbeiter begleitet, die häufig noch größeren Leistungsdruck und sogar tief gehende Bespitzelung befürchteten. In der Regel haben sich jedoch die Befürchtungen der Mitarbeiter in Zustimmung verwandelt. Vertrauensbildend wirkt dabei, wenn bei der Einführung der Mitarbeiterjahresgespräche die Mitarbeitervertretung, also der Betriebsrat, von der Unternehmensführung eingebunden wird und die Abläufe und Strukturen transparent sind, beispielsweise gemeinsam ein Leitfaden zur Durchführung erarbeitet wurde.
Selbstverständlich ist nach moderner Managementtheorie das Mitarbeitergespräch vor allem ein Instrument der Personalführung. Die Führung erfolgt hier vor allem entlang von Zielvereinbarungen, die - und das ist die Chance des Mitarbeiterjahresgesprächs - im besten Fall ein hohes Maß an Übereinstimmung zwischen eigenen und Unternehmenszielen offen dokumentieren und entwickeln. Persönliche Stärken, Engagement und Ehrgeiz können so noch besser in den Dienst des Unternehmens genommen werden. Kompetenzdefizite und Schwächen sollen ebenfalls benannt werden und können dann durch gezielte Fortbildungen ausgeglichen werden. Dass auch die Kirche diesen Zusammenhang zwischen Mitarbeiterjahresgespräch und Fortbildung bemerkt, zeigt unser Interview mit dem Fortbildungsreferenten Erich Noventa (Seite 1 dieser Beilage).
So sollen sich - theoretisch - Mitarbeiter optimal an ihren Stärken und Fähigkeiten entwickeln und so noch besser in Funktionen hineinwachsen, für die sie geeignet sind. Dabei gewinnen beide, das Unternehmen wie der Mitarbeiter.
Voraussetzung für gelingende Mitarbeitergespräche ist aber eine geschützte Gesprächsatmosphäre, in der wechselseitig Kritik ausgesprochen und persönliche Ambitionen wie persönliche Kompetenzdefizite offen benannt werden können. Doch genau dies bleibt - aus verständlichen Gründen - in Wirtschaftsunternehmen zumeist Theorie, da Aspekte eine Rolle spielen, die sich ganz konkret auf dem Konto des Mitarbeiters niederschlagen. So fließt in manchen Unternehmen das Mitarbeiterjahresgespräch in die Verteilung von Jahresboni ein - was die freiwillige Benennung von sogar selbst empfundenen Kompetenzdefiziten bei manchem verhindern dürfte. Auch die - wenigstens theoretisch ebenfalls vorgesehene - offene Bewertung der Leitung des Vorgesetzten wird so eine gewisse Filterung erfahren. Deutlich ist deshalb, dass Mitarbeiterjahresgespräche nur in nicht von tiefer gehenden Konflikten geprägten Arbeitsbeziehungen positiv wirksam werden können. Der Personalentwicklung dienen sie nur, wenn im Unternehmen auch sonst, im Alltag, Personalentwicklung und Betriebsklima stimmen.
Ziele ausbalanciert
Zielvereinbarungen und weitere Ergebnisse des Mitarbeiterjahresgesprächs werden meist schriftlich fixiert, dem Protokoll müssen dabei in der Regel sowohl der Mitarbeiter als auch der Vorgesetzte zustimmen. Dadurch werden vor allem die Jahresleistungen eines Mitarbeiters besser überprüfbar. Der schleichend stattfindenden ständigen Zielverschiebung im Alltagsgeschäft soll so ein Riegel vorgeschoben werden. Dass dies den Druck auf den Mitarbeiter erhöht, liegt auf der Hand.
Im kirchlichen Bereich - soweit Pfarrerinnen und Pfarrer betroffen sind - spielen diese Aspekte jedoch offenbar eine weitaus weniger gewichtige Rolle. Nach Aussage von Franz Peschke, dem Leiter der Abteilung »F - Personal« im Landeskirchenamt, ist - nach der Erfahrung des ersten Jahres - die »durchgehende Meinung aller Beteiligten: Der Aufwand lohnt sich.« Vor allem scheinen die Mitarbeiterjahresgespräche der binnenkirchlichen Kommunikation zu dienen. »Die Menschen fühlen sich in ihrer Arbeit wahrgenommen«, sagt Peschke, »die Zielvereinbarung gibt Perspektiven.« Denn nicht um die für die Wirtschaft maßgebliche »Optimierung der Produktivkraft« gehe es, sondern um eine echte Balance der »institutionellen Ziele und der Ziele der Person«. Dabei erhofft sich Peschke durchaus, dass mittels der Mitarbeiterjahresgespräche, »wir stärker gemeinsam vereinbaren, was Kirche eigentlich tun soll.« Es gehe auch nicht um ein Mehr an Hierarchien, sondern im Gegenteil um deren Verflachung auf dem Weg zu einem größeren Miteinander: »Die Vorschrift zum Feedback bedeutet Augenhöhe zwischen Mitarbeiter und Vorgesetztem.«
Die Regelbeurteilung und Benotung der Pfarrerinnen und Pfarrer alle sieben Jahre hingegen »verträgt sich nicht mit einer Personalentwicklung als Gesamtkonzept«, sagt Peschke, und eine Arbeitsgruppe arbeite daher ebenfalls an einer Reform des Beurteilungssystems. Dieses soll weniger statisch an berufsbiografischen Wendepunkten ansetzen und so ebenfalls dazu dienen, »Personen- und Stellenprofile noch besser aufeinander zu beziehen.«
Offen bleibt indes die Frage, ob Dekane und andere Vorgesetzte im Mitarbeitergespräch wirklich auch eine qualifizierte Laufbahnberatung für ihre Mitarbeiter leisten oder anschieben können. Und nur wenn auch Leitende sich erkennbar weiterentwickeln, ist die weiterhin vorhandene Befürchtung zu entkräften, bei den Mitarbeiterjahresgesprächen handle es sich - auch in der Kirche - weitgehend um eine Einbahnstraße von oben nach unten.
Markus Springer