Home


Die Leiden einer Fortbildungs-Referentin

Schwerkraft der Verhaltensmuster

Erwachsenen-Fortbildung ist mühsam und macht Spaß - ein sehr persönlicher Bericht aus dem Berufsalltag einer Fortbildungsreferentin.


  Wie füllt man diesen Stuhlkreis mit Leben? Wie zwingt man das Kirchenvolk zu seinem Fortbildungsglück?

Foto: epd

Da sage jemand bloß nicht: Das Leben kann so schön sein. Denkste. Bist du eine von denen, die Erwachsene fortbilden, kann das Leben manchmal wahrhaft vertrackt sein. Die Betonung liegt auf manchmal. Wie sonst würde ich den Job nicht schon fünfzehn Jahre machen - und meist mit höchstem Vergnügen. Aber jetzt darf mal Maulen dran sein.

Du bietest ein tolles Seminar an: "Gespräche leiten". Du verschickst 1000 Prospekte an 66 Pfarrämter. Du kriegst 10 Teilnehmer/innen. Drei Wochen nach Anmeldeschluss bist du in einer Frauengruppe. "Wir brauchen unbedingt mal einen Kurs, indem man üben kann, wie man ein Gespräch leitet. "Wie bitte, den gab es beim Bildungswerk? Nie was davon gehört.

Irgendwie und irgendwo muss da ein großes schwarzes Loch sein, das alle unsere schönen, bunten Prospekte verschlingt. Und die gestressten Pfarramtssekretärinnen stöhnen über zu viel Papier, das bei ihnen landet. Ehrenamtliche haben so viel um die Ohren, da haben sie einfach keine Zeit für Seminare, höchstens solche als Fastfood und in der Light-Version. Ich meine hier nicht unsere geliebten Abnehmer/innen, die längst erkannt haben, was Angela Merkel erst jüngst erleuchtete: den Wert von lebenslangem Lernen. Ich denke an manche, bei denen das Motto heißt: Wenn ich zur Fortbildung gehe, gebe ich ja zu, dass ich was nicht weiß.

Null Bock auf Bildung

Es muss einfach mal gesagt werden: Manche stürzen sich auf ihren Einsatz mit einer Mischung aus Überheblichkeit und Ignoranz. Einer macht Besuchsdienst, damit er endlich den ganzen Stadtteil bekehren kann. Der zarte Hinweis der Pfarrerin, das sei zu viel des Guten, überhört er hartnäckig. Eine leitet eine Kindergruppe und flippt beim kleinsten Chaos ständig aus. Ich kenne einen Kirchenvorsteher, der seine Führungsqualität sehr hoch einschätzt und seinen Diakon zur Weißglut bringt mit Rationalisierungsvorschlägen, die in der Tat die Wucht von Schlägen haben. Den Prospekt für ein Sensibilisierungs-Seminar leitet er an seinen Diakon weiter.

Die Erwachsenenbildnerin plagen existenzielle Fragen: Soll sie die Menschheit zu ihrem Fortbildungs-Glück zwingen oder doch lieber in die Toskana auswandern und Tonschalen töpfern? Sie bleibt natürlich in Bayern und probiert es immer wieder, meist mit Lust, manchmal eben mit Frust.

Ein Leiden der dritten Art sind Mitmenschen, die zwar auf Fortbildung gehen, bei denen diese aber bald wieder fort ist. Ein Kirchenvorstand trainiert effektive Sitzungsleitung. Alle sind entzückt von den vorgestellten Strategien. Nicken, erkennen, erfahren, wie es besser laufen kann. Drei Monate später treffe ich die Vertrauensfrau. "Und", frage ich erwartungsvoll, "sind die Sitzungen jetzt angenehmer?" Die Antwort lässt mich an meinen Fähigkeiten zweifeln: "Es ist genau wie früher." Das ist so, wie wenn du ein Fünf-Gänge-Menü für deine Gäste kochst, und hinterher kaufen sie sich eine Leberkässemmel. Die Schwerkraft der eingefleischten Verhaltensmuster bleibt unübertroffen.

Ein Seminar zum Konfliktmanagement. Strahlen in aller Augen. Genau, das ist meine Falle, in die ich immer wieder tappe. Das passiert mir kein zweites Mal. In der Pause erzählen sich zwei Chefs ihre Geschichten mit ihren Mitarbeitern, die nicht so wollen wie sie. "Man muss ihnen mal ordentlich die Meinung sagen, ihnen am besten diese miesen Analysen, die sie abliefern, um die Ohren hauen."Konfliktlösung à la Management.

Wieder melden sich die kleinen Selbstzweifler-Nager: Was hast du bloß falsch gemacht? Vielleicht doch auswandern, am besten nach Kanada, und Bären zählen? Rechtzeitig kommt ein Brief einer Teilnehmerin: "Liebe Frau Peil, das Seminar, in dem wir gelernt haben, uns abzugrenzen und auch mal Nein zu sagen, war prima. Ich probiere das mit Erfolg in meiner Gemeinde aus. Danke." Life can be so simple. Ein Dankschreiben vom Pfarrer kam übrigens nicht. Seltsam, seltsam ...

Elfriede Peil

  Elfriede Peil, Autorin dieses Beitrags, ist Fortbildungsreferentin und Mitarbeiterin im Redaktionsbeirat von kirche konkret & kontrovers..



Nr. 12 - November 2001





Warum ich in der Kirche mitarbeite (12): Ilse Stiller, 82 Jahre

"Ich kann ja nicht zu Hause vor mich hingammeln!"

» mehr...



Kirche und Diakonie laden bayernweit zum Dialog über das Ehrenamt ein
Privates, Beruf und Ehrenamt im Gleichgewicht

» mehr...


Frei zur "Adoption" für das Ehrenamt
Gute Ideen aus den USA

» mehr...




Eine Auswahl wichtiger Veranstaltungen und Termine für Mitarbeitende in der Kirche

» mehr...



Werkstatt Teamwork (7)

Die Zeit bewusster erleben

» mehr...



Kündigungsschutz für MAV-Angehörige
 
» mehr...


Die Krise der Zusatzversorgung

» mehr...






© Sonntagsblatt 2001