Kirche und Diakonie laden bayernweit zum Dialog über das Ehrenamt ein
Privates, Beruf und Ehrenamt im Gleichgewicht
Der Traum, gestand Christel Balser, die Sprecherin des federführenden, 14-köpfigen Fachausschusses Ehrenamt in der bayerischen Landeskirche, war ein festliches Treffen, das einmal den Einsatz derer würdigen und ehren sollte, die sich in all den Gemeinden, Verbänden und Organisationen engagieren. Herausgekommen ist dann eher eine Fachtagung - Hauptreferat und fünf »Workshops« - mit überwiegend Vortragscharakter, immerhin mit einem mit Tafelmusik untermaltem Mittagessen in einem freundlichen und großzügigen Rahmen.
Die »Balance zwischen Himmel und Erde«, so Balser, hatte die Veranstaltung doch eher »erdenschwer« werden lassen. Zum ersten Mal haben die evangelische Landeskirche und die bayerische Diakonie zu einem Ehrenamtlichenkongress unter dem Motto »Engagement macht Sinn« in die Fürther Stadthalle eingeladen. Nimmt man Diakonie-Präsident Ludwig Markert beim Wort, so war da »der größte Schatz von Kirche und Diakonie« versammelt - zumindest ein Teil davon. Rund 300 Personen aus den 68 bayerischen Dekanaten kamen, davon etwa drei Viertel Ehrenamtliche, stellvertretend für die geschätzten 140000 ehrenamtlich Tätigen in der Landeskirche.
Konrad Hummel stellte in seinem Hauptreferat die Verbindung zur gesamten Gesellschaft her. »Bürgerschaftliches Engagement« sei ein wichtiger Faktor einer Demokratie. Wer zu einem Gemeinwesen gehört, müsse idealerweise Privatleben, Berufsarbeit und freiwillige Tätigkeit für das Gemeinwohl im Gleichgewicht halten: »So macht das Leben Sinn«.
Fortbildung und Begleitung
Der Leiter der Geschäftsstelle Bürgerengagement im baden-württembergischen Sozialministerium wandte sich gegen die Behauptung, die Menschen seien egoistischer geworden. Vielmehr gleiche sich das Verständnis von Ehrenamt den Veränderungen in der Berufswelt an - »auch das 40-jährige Jubiläum der Betriebszugehörigkeit stirbt aus«.
Haltungen lassen sich nicht in Zahlen messen. Mehr als früher erwarten Menschen allerdings »ehrliche Tauschvorgänge«: Wer sich für eine Sache einsetzt, will selbst Nutzen davon haben: Erfahrungszuwachs, Gebraucht-Werden, Anerkennung, Kontakte, Spaß. »Eigensinn und Gemeinsinn gehen Hand in Hand«. Tatsächlich stellte sich in den letzten Jahrzehnten ein »reflexhafter« Ruf nach Geld oder Planstellen ein, wenn ein soziales Problem auftauchte.
Als Folge werden häufig die »Selbstverwalter« zu »Helfern« degradiert. Nicht jede Finanzspritze für ehrenamtliches Engagement ist laut Hummel richtig angelegt. Nicht eine Vergütung oder Kostenrechnung pro Kopf sei sinnvoll, wenn sie auch manchmal dazu benutzt wird, den Wert der unbezahlten Arbeit in Mark und Pfennig auszudrücken. Vielmehr müsse Geld für Rahmenbedingungen bereitgestellt werden wie Fortbildung, Koordination und Begleitung, damit die Kompetenz der Freiwilligen an die richtige Stelle gelangt.
Im Hintergrund des Kongresses steht das Ehrenamtlichengesetz, das die Landeskirche Anfang des Jahres eingeführt hatte. Es regelt, dass Ehrenamtliche beauftragt, eingeführt, verabschiedet werden sollen und Anspruch auf Auslagenerstattung und Fortbildung haben. Immerhin ist das angekündigte Faltblatt jetzt erhältlich.
Hirte und Herde
Wie es bekannt gemacht und umgesetzt wird, wird noch viel Kleinarbeit erforden, für etliche auch Umdenken. Aus einem der Workshops, sinnigerweise zum Thema »Motivation«, drang die Klage, dass manche Hauptamtlichen wohl noch immer genau zu wissen meinen, wer Hirte und wer Herde zu sein hat.
Ines Rein-Brandenburg