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Die bayerische Landeskirche organisiert sich in Handlungsfeldern

Nur wer sich ändert, bleibt sich treu

Nach dem Bericht der Apostelgeschichte war in der urchristlichen Gemeinde noch alles sehr einfach: Die Jünger Jesu predigten das Evangelium in fester Überzeugung seiner baldigen Wiederkunft - eine Naherwartung, die keine weitere Organisation erforderte. Erst die Verzögerung der Wiederkunft des Herrn führte zur Einrichtung in der Welt: Jesus wurde erwartet, die Kirche kam.

Und die Kirche blieb, aber freilich nicht immer gleich. Spätestens seit dem reformatorischen "ecclesia semper reformanda est" steht jede institutionelle Form der Kirche zur Disposition - freilich im Wissen, dass es ganz ohne Organisation wohl auch nicht geht. Um es mit dem Liedermacher Wolf Biermann zu sagen: Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.

Die zehn Handlungsfelder der bayerischen Landeskirche

1. Spiritualität, Gottesdienst, Verkündigung und Kirchenmusik

2. Gemeindeausbau und Gemeindeentwicklung

3. Erziehung, Bildung, Unterricht

4. Seelsorge und Beratung

5. Themen- und zielgruppenbezogene gesellschaftliche Dienste

6. Ökumene, Mission, Entwicklungsdienst und Partnerschaft

7. Diakonisches Handeln

8. Presse, Öffentlichkeitsarbeit, Medien

9. Aus-Fort- und Weiterbildung

10. Kirchenleitung und Verwaltung.

Dass Reformen nötig sind, um auf aktuelle Herausforderungen reagieren zu können, wird seit geraumer Zeit auch in der bayerischen evangelischen Landeskirche gesehen. Unter dem Eindruck zurückgehender Kirchensteuereinnahmen und eines absehbaren Verteilungskampfes wandte sich die Kirche vor rund zehn Jahren verstärkt der Planung ihrer Arbeitsbereiche und Aufgaben zu. 1992 wurde ein Planungsreferat eingerichtet, dazu eine PriPoKo (Prioritäten-Posterioritäten-Kommission), die festlegen sollte, was in der Kirche vorrangig wichtig ist und was weniger wichtig. Daraus folgte die Entwicklung der "Perspektiven und Schwerpunkte kirchlicher Arbeit" (PuSch). Mit in diesen Prozess gehört die Revision der Landesstellenplanung - also die Neugewichtung der Einsatzgebiete der hauptamtlich Angestellten in der Kirche (seit 1998) - und die Neuorganisation des Landeskirchenamtes in München (seit 1999).

Nun, nachdem die Bestandsaufnahme als abgeschlossen gilt und die finanzielle Konsolidierung erfolgreich verläuft, geht es an die eingemachten Strukturen der Kirche. Das aktuelle Vorhaben im Bereich Organisationsreform nennt sich "Handlungsfeld-Konzept". Gemeint ist die Neuorganisation der kirchlichen Arbeit in zehn Handlungsfeldern (siehe Kasten). Eine um das Theologische Planungsreferat gebildete Arbeitsgruppe soll das Konzept für die Landessynode entscheidungsreif machen.

Zur Zeit, klagen Kritiker, konkurrieren noch zwei Leitungsmodelle in der bayerischen Landeskirche: neben dem visionären Handlungsfeldkonzept das "alte" Leitungsmodell, das nach folgenden Regeln funktioniert: Wenn eine Einrichtung ein Projekt forcieren will, braucht sie einen guten Draht zum zuständigen Oberkirchenrat und die richtigen Synodalen auf ihrer Seite · dazu Lobbyarbeit auf vielfältigen Kanälen.

Nun scheint es möglich, dass künftig Entscheidungen weiter unten, von den im Bereich agierenden "Machern", also Dienststellenleitern, Funktionskirchenräten und synodalen Ausschussmitgliedern getroffen werden. Zumindest konnten sie bei einer Konsultation Ende Juni in Rummelsberg über die Weiterentwicklung des Handlungsfeldkonzeptes mitberaten. Dort wurde gefragt, welche Aufgabe künftig den Handlungsfeldern zukommt, ob eine Mitsprache in Konzeptentwicklung, Personal- und Finanzplanung vorgesehen ist, ob die Handlungsfelder ein Letztentscheidungsrecht haben. Unklar ist, in welchem Verhältnis die Handlungsfeldkonferenzen, die künftig regelmäßig tagen sollen, zu den kirchenleitenden Organen stehen, wie etwa zur Synode. Auch der Stellenwert des Handlungsfeldes 10 (Kirchenleitung und Verwaltung) im Verhältnis zu den anderen neun Handlungsfeldern ist noch offen. Zu den Fragen gesellen sich Befürchtungen: noch mehr Gremien, noch mehr Sitzungen, noch längere Entscheidungswege? Die Chance des Konzeptes, wurde bei der Konsultation offenbar, liegt in einer Stärkung der "durchführenden Ebene".

Hoffnungsvoll ist, dass sich die Kirchenleitung an der Weiterentwicklung des Konzeptes beteiligt, auch wenn eine Umsetzung am Ende eventuell einen Machtverlust bedeuten könnte. Die Gremien Landessynodalausschuss und Landeskirchenrat erhoffen sich vom Handlungsfeldkonzept, "dass in Zukunft Kommunikations- und Entscheidungswege im übergemeindlichen Bereich transparenter und die Aufgaben (und Kompetenzen) der Gremien, Einrichtungen und Dienste in den Handlungsfeldern klarer werden", heißt es in einer Stellungnahme von Synodalpräsident Dieter Haack und Landesbischof Johannes Friedrich.

Bei einem Gipfeltreffen von Landessynodalausschuss und Landeskirchenrat am 20. September in Neuendettelsau soll über den künftigen Stellenwert der Handlungsfelder beschlossen werden. Das Ergebnis soll dann den zehn Handlungsfeldkonferenzen und den Ausschüssen der Landessynode vorgelegt werden, Ende November schließlich der in Erlangen tagenden Landessynode. Nach einer langen Anlaufzeit ein ehrgeiziger Zeitplan. Würde den Handlungsfeldern dort weit reichende Kompetenzen und ein Letztentscheidungsrecht zugesprochen, käme das einer kleinen Reformation der Kirche gleich.

Buchtipp: Dem Glauben und dem Leben dienen - Die bayerische Landeskirche und ihre Handlungsfelder, Dieter Breit (Hsg.), ISBN 3-583-33104-4.

Nr. 10 - September 2001





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