"Protestantische Streitkultur" in der Theorie und die konkrete Arbeitssituation in einer kirchlichen Behörde
Wenn jeder siegen will, verlieren alle
Pflege der Streitkultur - hört sich gut an, ist aber oft nur graue Theorie. Der "Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt" bietet nun - und zwar auch für die kirchliche Arbeitswelt - eine spezielle Konfliktberatung zur Lösung von Arbeitsplatzkonflikten an. In München gibt es freilich ein kirchliches Amt, bei dem in einem verdeckten Konflikt eine konstruktive Streitschlichtung nur schwer möglich scheint.
Die Brücke von der theoretischen Streitkultur zur praktischen Vermittlung am Arbeitsplatz schlägt Thomas Thöne, Sozialsekretär in Ingolstadt, einer Außenstelle des KDA (Langform: Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern). Thöne ist auch Mobbingberater, musste in dieser Funktion allerdings die Erfahrung machen, dass "Mobbing-Opfer" meist zu spät Hilfe suchen, wenn die Arbeitsplatzsituation bereits irreversibel schrecklich geworden ist. Konflikt-Beratung setzt früher an.
Wenn Thöne, der auch gelernter "Mediator", also Streitschlichter ist, Arbeitskonflikte aus seinem Berateralltag schildert, glaubt man, einem Kriegsberichterstatter zu hören. Wenn gestritten wird, dann deshalb, um den anderen "zu besiegen". Diese, wie Thöne meint, typisch deutsche Mentalität erzeugt die fatale Rollenzuweisung des Siegers ("winner") und des Verlierers ("looser"), bis im schlimmen Fall beide "gemeinsam in den Abgrund" fahren. In Thönes Idealfall einer Schlichtung würden dagegen die Parteien zu einer "Win-Win-Situation" finden, beide also gewinnen, indem sie den Konflikt offen benennen und konstruktiv bearbeiten. Dabei gibt nicht etwa der Berater Lösungsmuster vor, vielmehr unterstützt er die Parteien "bei der eigenverantwortlichen Suche nach kreativen Problemlösungen", erklärt Thöne seinen Ansatz. Auf gut deutsch: "Produktiv streiten" kann jeder lernen und trainieren, und solch ein Streit am Arbeitsplatz ist an sich "überhaupt nichts Schlimmes", solange man damit umzugehen weiß. Davon ist Thöne überzeugt.
Gerade der Arbeitsplatz Kirche steht solcher produktiven Streitschlichtung aber oft genug entgegen. Der Münchner Sozialpfarrer Roland Pelikan, ebenfalls KDA, weist gegenüber dem Sonntagsblatt auf die fatale Tendenz hin, Konflikte erst einmal nicht wahrzunehmen, lieber zu verdrängen.
Mitarbeitervertretung ernst nehmen!
Dabei hat der arbeitsrechtliche Weg in der Kirche, der so genannte Dritte Weg, aus der Sicht des Streitschlichters und Konfliktberaters schon ein grundsätzliches Problem: Anstatt die Gegensätze von Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu benennen, zwingt er beide Seiten zum gemeinsamen Dienstauftrag und in eine Dienstgemeinschaft zusammen. Das verhindert offenes Streiten.
Gleichwohl stellt Pelikan in einem Arbeitskonfliktfall als erste Frage: "Nehmt ihr eure Mitarbeitervertretung ernst?" Die Rechte und Mitwirkungsmöglichkeiten der Mitarbeiter zu klären und zu stärken, das ist - über die Analyse persönlicher Konfliktlagen hinaus - Pelikans struktureller Ansatz zur Konfliktlösung.
Soweit die Theorie der praktischen Streitschlichtung: Beim Münchner Kirchengemeindeamt, das vor Monaten wegen eines Finanzskandals mit Fehlbuchungen in Millionen-Höhe in die Schlagzeilen geraten war, treffen nun viele dieser Konfliktmerkmale, wie sie unsere Streitexperten beschreiben, fast schon exemplarisch zu - und doch findet der notwendige produktive Streit nicht statt, im Gegenteil: Die Konfliktlage lähmt alle Seiten.
Die Idee einer Mediation war wohl einmal erörtert worden, doch der eskalierende Konflikt hat, wie es ein Mitarbeiter dem Sonntagsblatt schilderte, das Amt geradezu überrollt. Der Kern des Streits wird verschieden interpretiert, aber soviel scheint klar zu sein: Der Amtschef Bruno Müller und seine Stellvertreterin Renate Kux, beide zur Aufklärung des Finanzskandals neu ins Amt geholt, praktizieren unterschiedliche, miteinander unverträgliche Führungsstile - die Stellvertreterin muss weichen, womit aber, wie der nächsthöhere Dienstvorgesetzte und Stadtdekan Hans Dieter Strack ausdrücklich mitteilt, "keinerlei Schuldzuweisung" verbunden sei. Dem Amtschef aber spricht die Mitarbeitervertretung in einem vertraulichen Schreiben mehr oder weniger das Vertrauen ab, unter anderem weil er die Mitarbeitenden eine "unfassbare menschenverachtende Vorverurteilung spüren" lasse.
Nun könnte, so man nur wollte, eine protestantische Streitkultur sich entfalten, um den Konflikt zu klären. Sieger und Verlierer darf es nicht geben, sie würden - nach Thönes Interpretation - letztlich beide nur verlieren.
Lutz Taubert
Die Ingolstädter Außenstelle des KDA bietet an oder vermittelt kostenlose und vertrauliche Konfliktberatung. Tel: 0841/910985