Mobbing auch in der Kirche ein Thema
"Über Nacht hatte ich kein Büro mehr"
Jeder vierte Arbeitnehmer wird einmal in seinem Leben Mobbing-Opfer, sagen die Statistiken. Die Folgen für die Betroffenen reichen von gesundheitlichen Störungen bis hin zum Selbstmord. Dass die Kirche hier keine "Insel der Seligen" darstellt, wird in den letzten Jahren immer deutlicher.
43 Jahre arbeitete Sven Müller (Name von der Redaktion geändert) bei einer kirchlichen Verwaltung, bevor er "gegangen worden ist", wie er selbst es nennt. Die Veränderungen kamen schleichend, erzählt er. Ein neuer Vorgesetzter, der alles effektiver und besser machen wollte: "Der hat es geschafft, unsere Abteilung zu spalten", so Müller. Und er sei mit seinen 60 Jahren auf einmal zu alt gewesen. Aber direkt wurde das nicht ausgesprochen. Statt dessen: "Als ich aus dem Urlaub kam, saß in meinem Büro eine andere" - selbst nach mehr als einem Jahr fällt es ihm noch sichtlich schwer, darüber zu sprechen. "Es hieß, ich solle einfach da arbeiten, wo gerade ein Platz frei ist".
Dann reagierte sein Körper: Er konnte nicht mehr schlafen, hatte ständig Rückenschmerzen, schließlich sogar einen Bandscheibenvorfall. Müller hielt es nicht mehr aus, hat gekündigt, zwei Jahre vor seinem Ruhestand und mit erheblichen finanziellen Einbußen.
"Mobbing ist ein Konflikt am Arbeitsplatz, der längere Zeit andauert und nicht bewältigt wird. Meist sind mehrere Personen daran beteiligt und einer leidet massiv", definiert Peter Eckart den Vorgang, der sich vom englischen Wort "to mob", anpöbeln, ableitet. Eckart ist beim Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) in Bayern zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Mobbing. Die praktische Seite, also Beratungsgespräche, hat sein Kollege Thomas Thöne übernommen, der 1996 in Ingolstadt die Mobbing-Kontaktstelle des KDA gegründet hat. "Mobbing wird in der Kirche erst allmählich zum Thema", so der Sozialsekretär. Dass es im Vergleich zur freien Wirtschaft hier etwas länger gedauert hat, liegt seiner Meinung nach an einer "höheren Bereitschaft, auszuhalten". "Dasselbe erleben wir auch in Krankenhäusern, Kindergärten oder Pflegeheimen".
Kirche ist für Mobbing prädestiniert
Dabei ist das Arbeitsfeld Kirche, wenn man Peter Eckart folgt, für das Phänomen "Mobbing" gleichsam prädestiniert: "Gerade im kirchlichen Bereich haben wir oft unklare Verhältnisse und verschwommene Grenzen". Zum einen gibt es hier eine Mischung aus Haupt- und Ehrenamtlichen, die die freie Wirtschaft nicht kennt. "Gegenüber Ehrenamtlichen traut man sich oft nicht so recht, Kritik zu äußern", sagt Eckart. Die Folge: stiller Groll gegenüber Fehlern auf Seiten der Hauptamtlichen und der Drang, durch mehr und bessere Leistung die Stimmung zu bessern auf Seiten der Ehrenamtlichen. Der Teufelskreis kommt in Gang...
Idealer Nährboden für Mobbing sind auch ungeklärte Beziehungen: "Häufig ist es nicht eindeutig, ob der Pfarrer gerade als Seelsorger oder als Dienstherr agiert." Eine Mischung, die Eckart für fatal hält: "Der Pfarrer muss seine Rolle gegenüber einer Pfarramtssekretärin oder Kindergärtnerin klarstellen." Mobbing kann jeden und jede treffen - unabhängig davon, in welcher Position und wie qualifiziert er oder sie ist. Besonders häufig werden allerdings Frauen schikaniert: "Oft werden weibliche Angestellte ausschließlich über ihr Frausein definiert, und die Leistungen spielen keine Rolle", meint Johanna Beyer von der Gleichstellungsstelle der Bayerischen Landeskirche.
Mit Johanna Bayer sind sich die Fachleute einig: Klare Verhältnisse sind die beste Vorbeugung gegen Mobbing. Mitarbeitergespräche wie das Jahresgespräch mit Ehrenamtlichen (wir berichteten) sind dazu ein guter Beitrag.
Annette Klinkhardt
| Mobbing - das kann man tun: |
Grundsätzlich gilt: Je früher man sich Hilfe holt, umso größer sind die Chancen zur Klärung:
Wie erkenne ich Mobbing? Bei Mobbing handelt es sich um Schikanen und Intrigen von einer oder mehreren Personen gegen einen einzelnen. Die Attacken dauern längere Zeit, richten sich gegen das Selbstwertgefühl des "Opfers" und sind darauf gerichtet, den Betroffenen auszugrenzen.
Was sind die Auslöser? Hierzu zählen Umstrukturierungsmaßnahmen und wirtschaftliche Krisensituationen.
Was können Mobbingopfer tun? Hilfe findet man bei Mobbingberatungsstellen oder Clearingstellen im Betrieb. Das Mobbing-Büro des KDA in Ingolstadt hält Adressen und Telefonnummern bereit unter Tel: (0841) 91 09 86. Auch juristische Schritte sind möglich: Mobbing ist strafbar!
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