Vom Umgang mit Mitarbeitern aus Sicht des Mitarbeitervertreters
Motivation wächst aus Vertrauen
Zu loben und - gelegentlich - zu tadeln: Ist denn das so schwer? Zwei Positionen dazu: Ein Mitarbeitervertreter (dieser Beitrag) und ein Seelsorger (unten stehender Beitrag) schreiben, wie es eigentlich mit dem Loben - in der Sprache der Unternehmensberater: der Motivation - beim Dienstgeber Kirche steht.
Die Wirtschaft macht es vor - natürlich aus wirtschaftlichen Interessen. In Großkonzernen wie Siemens wird viel Zeit und Geld in Fortbildungsseminare und Strukturdiskussionen gesteckt. Nicht die Kunden stehen im Mittelpunkt, sondern die eigenen Mitarbeiter.
Konzerne wissen: Hochmotivierte Mitarbeitende fördern das Geschäft. Auch in der Kirche, die nicht von wirtschaftlichem Erfolgsdenken geprägt ist, wird seit neuestem über einen veränderten Umgang mit dem eigenen Personal intensiv nachgedacht.
Motivationsverlust bis hin zur inneren Kündigung wird von kirchlichen Beschäftigten beklagt. Die Ursachen lassen sich oft in den Arbeitsbedingungen finden, die wenig Freiraum zur Entfaltung eigener Ideen lassen. Langjährige Erfahrungen der Mitarbeitenden werden bei Entscheidungen nicht abgefragt. Es fehlt an innerkirchlicher Kultur, die Mitarbeitenden einzubinden, nicht nur in die Alltagsarbeit, sondern auch in Planungen und Entscheidungsprozesse.
Dienst nach Vorschrift
Wo vorhandene Kompetenzen nicht gefragt sind, wächst keine Motivation. Eine fast durchgängige Erfahrung kirchlicher Beschäftigter ist, dass ihre Arbeitskraft zwar erwünscht ist, ihre Ideen und Vorschläge aber häufig versanden - manchmal gar unerwünscht sind. Zwei typische Folge-Reaktionen daraus: Dienst nach Vorschrift ist eine, Mobbing eine andere.
Motivation entsteht nicht von allein. Sie muss gehegt und gepflegt werden. Wer hochmotiviertes Personal will, der muss erst einmal investieren - auch in der Kirche. Die beste Investition heißt Vertrauen. Wenn Mitarbeitende feststellen, dass ihre berufliche und menschliche Kompetenz, ihre Ideen und Vorstellungen gefragt sind und sie an Entscheidungen in ihrem Bereich beteiligt werden, ist dies auch ein Vertrauenssignal. Wo sie das Gegenteil erfahren, wird es als Misstrauenssignal empfunden.
Das Unternehmen Kirche muss also umdenken - und tut es in Ansätzen schon. Die Mitarbeiterjahresgespräche sind ein Instrument der Veränderung, das nun landeskirchenweit eingeführt werden soll. Weitere sollten folgen: Führungskräfte müssen geschult werden, vorhandene Kompetenzen der Beschäftigten zu erkennen und zu nutzen. Leitungsverhalten muss sich verändern. Und die kirchlichen Mitarbeitenden sollten lernen, ihre Beteiligung und Förderung einzufordern. Die Kirche kann von der Wirtschaft durchaus lernen, wenn sie auch nicht blind alles übernehmen sollte.
Helge Neuschwander-Lutz
Vom Umgang mit Mitarbeitern aus Sicht eines Beraters
Ein kleines ABC des Lobens
Loben kann man lernen, meint unser Autor Waldemar Pisarski, Beraterpfarrer der Sonntagsblatt-Sprechstunde. Ein kleiner Leitfaden für den Arbeitsplatz Kirche:
Neulich sah ich einen Aufkleber. "Haben Sie Ihr Kind heute schon gelobt?", hieß es da in großen Lettern. Als ich näher heran trat, entdeckte ich etwas Besonderes. Irgend jemand hatte "Ihr Kind" durchgestrichen und darüber die Worte "Ihre Frau" gesetzt. Also: "Haben Sie Ihre Frau heute schon gelobt?" Hm, dachte ich, dieses Spiel lässt sich weiterspielen, und ich hatte auch eine Vorstellung davon, wie man es weiterspielen könnte.
Seit einigen Jahren beantworte ich Leserzuschriften, die sich an die SPRECHSTUNDE im Sonntagsblatt richten. Etwa ein Drittel der Briefe, die mich erreichen, kommt von Menschen, die ihren Arbeitsplatz in der Kirche haben. Auffallend sind die Themen dieser Zuschriften. Fast die Hälfte klagt darüber, dass sie sich nicht genug gesehen, nicht genug wertgeschätzt fühlt. Wenn es schon eine Anerkennung gibt, fällt sie pauschal aus oder so nebenbei, oder aber sie kommt mit zeitlicher Verzögerung. "Sie sind eine Supersekretärin" heißt es zum Beispiel. Aber worin besteht dieses "super"? "Setzen Sie mir doch mal eine Ansprache auf, Sie können das doch ganz gut!", sagt der Abteilungsleiter zum Referenten. Ach ja, denkt sich der, kann ich das? "Den Haushalt im letzten Jahr haben Sie toll hingekriegt!" hört ein Kirchenpfleger. Na gut, nur: Das Kompliment ist schon ein bisschen alt, hat Rost angesetzt. Anerkennungen, die verpuffen. Die Frische darin fehlt, das Unmittelbare. Schade darum. Es ist alles gut gemeint, aber die Ausführung ist miserabel. Loben lernen, darum geht es. Hier ist ein kleines ABC des Lobens:
A: Unser Lob soll das Lobenswerte so konkret wie möglich beschreiben. Beispiel: "Frau Huber, Sie haben mir die Konferenzunterlagen ganz sorgfältig zusammengestellt. Das hat mir sehr geholfen. Haben Sie herzlichen Dank dafür."
B: Unser Lob soll so direkt und persönlich wie möglich sein. Beispiel: "Herr Bauer, für die Ansprache bekam ich gestern viele Komplimente. Ein Großteil davon gebührt Ihnen. Ich war selbst begeistert von Ihrem so anschaulichen und auch so humorvollen Entwurf!"
C: Unser Lob soll so aktuell wie möglich sein. Beispiel: "Sabine, ich habe mir eben die Jugendräume angeschaut. Die Dekoration, die Du dort angebracht hast, ist zurückhaltend und geschmackvoll. Eine große Bereicherung in unserem Haus."
Sich im Loben üben. Darum geht es. Nichts motiviert so sehr wie Lob und Anerkennung. Es verleiht uns Flügel. Im übrigen: Wer andere lobt, kann sich auch das Recht herausnehmen, einmal etwas zu kritisieren. Hier gelten die gleichen Regeln. Kein Herumgemäkele, kein beleidigtes Gegucke, sondern die Dinge beim Namen genannt, konkret, persönlich und dann, wenn sie anstehen.
Ein gutes Beispiel für das eine und das andere gibt hier übrigens der Apostel Paulus. Im 11. Kapitel des 1. Korintherbriefes, in dem es um Gottesdienstfragen geht, kommt zweimal das Wort "loben" vor. Am Anfang heißt es: "Ich lobe euch, denn ihr denkt an mich und folgt den Lehren, die ich euch gegeben habe." Konkret, direkt, persönlich, aktuell: So soll Loben sein. Ein paar Zeilen weiter, in der 17. Strophe, heißt es: "In den folgenden Punkten allerdings kann ich euch nicht loben..." Kritik, ebenso konkret und direkt und persönlich und aktuell. So sollten wir miteinander umgehen. Also: "Haben Sie Ihre Mitarbeiterin oder Ihren Kollegen heute schon gelobt?" Wenn nicht, dann tun Sie es doch. Es ist gar nicht schwer.Waldemar Pisarski
Helge Neuschwander-Lutz