Sonntagsblatt - Evangelische Wochenzeitung für Bayern http://www.sonntagsblatt-bayern.de/druck/text/2003_31_24_01.txt Ausgabe - vom (Datum): 31-03.08.2003 Gottfried Silbermann schuf Meisterwerke der Kircheninstrumente Der »Stradivari« der Orgelbauer Vor 250 Jahren starb der berühmteste deutsche Orgelbauer: Gottfried Silbermann (1683 bis 1753) aus Frauenstein im Erzgebirge wurde sogar von Johann Sebastian Bach für seine kunsthandwerkliche Perfektion und gelungene Synthese französisch-elsässischer und mitteldeutscher Tradition im Orgelbau gelobt. Zur fachlichen Reife fand Silbermann allerdings erst nach Brüchen in seiner Biografie, die mit Ortswechsel, Haftstrafe und Fluchtbeihilfe für eine Nonne verbunden war. Sowohl das Geburtsjahr als auch das Todesjahr könnten Anlass sein, des wohl berühmtesten und genialsten deutschen Orgelbauers zu gedenken: Am 14. Januar 1683 - vor 320 Jahren - wurde Gottfried Silbermann, zuweilen als der »Stradivari« unter den Orgelbauern bezeichnet, im erzgebirgischen Kleinbobritzsch als jüngster Sohn von Michael Silbermann und dessen zweiter Ehefrau Anna Maria, geb. Preißler, geboren. Nach Frauenstein mit seinem prächtigen Renaissance-Schloss war die Familie Silbermann 1685 übergesiedelt. Am 4. August 1753 - vor 250 Jahren - starb Gottfried Silbermann in Dresden. Nächtliche Flucht aus der Haft in Schloss Frauenstein Ursprünglich hatte sich die aus dem böhmischen Graupen stammende Silbermann-Sippe der Bildschnitzerei verschrieben. Erst um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert ging man zum Orgelbau über. Als 13-Jähriger kam Gottfried Silbermann zunächst bei seinem Seiffener Taufpaten Jobst, einem Spielwarendrechsler, in die Lehre. Indes brach er diese Ausbildung wie auch eine Buchbinderlehre in Frauenstein vorzeitig ab. Danach ließen jugendliche Unreife und Unbeherrschtheit Gottfried Silbermann straffällig werden. Das brachte ihm eine Haftstrafe auf Schloss Frauenstein ein. Von dort gelang ihm nachts die Flucht über die nahe Grenze zu Verwandten in Böhmisch-Einsiedel. Im Jahr 1702 ging Gottfried Silbermann nach Straßburg, um bei seinem älteren Bruder Andreas Silbermann (1678 bis 1731) das Orgelbauerhandwerk zu erlernen. Der aus Sachsen ausgewanderte Andreas Silbermann hatte zunächst von 1697 bis 1699 bei dem sächsischen Orgelbauer Eugenio Casparini gelernt, um dann nach einem Zwischenaufenthalt als Geselle bei dem pfälzischen Orgelbauer Friedrich Rinck in Bad Dürkheim und später in Straßburg eine endgültige berufliche und familiäre Heimat zu finden. 1702 erhielt Andreas Silbermann das Straßburger Bürgerrecht. Von 1704 bis 1706 vervollkommnete er seine Ausbildung bei dem berühmten Pariser Orgelbauer François Thierry. Während dieser Zeit leitete sein inzwischen zu einem hervorragenden Orgelbaufachmann herangereifter Bruder Gottfried Silbermann den Straßburger Handwerksbetrieb. Seine Entwicklung zum genialen Orgelbauer beruht nicht allein auf der vortrefflichen fachlichen Ausbildung bei seinem Bruder Andreas Silbermann in Straßburg. So heißt es in einem Brief des Leipziger Thomaskantors und Bach-Amtsvorgängers Johann Kuhnau an den Hamburger Musiktheoretiker Johann Mattheson aus dem Jahr 1717: »Jener Gottfried Silbermann kam vor etlichen Jahren aus Straßburg, mit guten Attestatis, dass er nicht nur in Straßburg, sondern auch an unterschiedenen Orten in Franckreich, herrliche Orgelwerke und Clavecins verfertiget habe.« Es war im Jahr 1710, als Gottfried Silbermann, versehen mit den neuesten Kenntnissen und Fertigkeiten des französischen Orgel- und Klavierbaus, in seine sächsische Heimat zurückkehrte. Freilich sollen ihn auch dieses Mal unangenehme persönliche Gründe zu einer überstürzten Abreise aus Straßburg genötigt haben: Der Überlieferung nach hat der 26-jährige junge Orgelbaumeister bei Arbeiten an der Orgel des Straßburger St.-Margarethen-Klosters eine junge Novizin namens Rosalie kennen gelernt und sie zur Flucht aus dem Kloster überredet. Doch der geplante nächtliche Fluchtversuch wurde offenbar vorzeitig entdeckt, was zu einem öffentlichen Eklat führte und nicht zuletzt das Verhältnis zwischen Straßburger Katholiken und Protestanten belastete. Inwieweit diese unglückliche Liebe zu einer jungen Nonne Gottfried Silbermann veranlasste, zeitlebens auf Ehe und Familie zu verzichten, sei einmal dahingestellt. Sein Erstlingswerk in Sachsen nach seiner Rückkehr aus Frankreich wurde die um 1710/11 erbaute Orgel in der Stadtkirche seiner Heimatstadt Frauenstein. Sein erstes Meisterwerk in Sachsen war jedoch die von 1710 bis 1714 erbaute dreimanualige Orgel mit 45 Registern im Freiberger spätgotischen Dom St. Marien. Das alte kursächsische Handels- und Handwerkszentrum Freiberg sollte fortan Gottfried Silbermanns Lebens- und Schaffensmittelpunkt sein. Hier begründete er seine eigene Orgelwerkstätte mit sechs bis sieben ständigen Mitarbeitern. Freilich kamen zu dieser kleinen Belegschaft noch eine Vielzahl von Zulieferern, assistierenden einheimischen Handwerkern wie beispielsweise »Schloßer, Zirckel- und Huff-Schmiede, Nadler, Gürtler, Gehäusetischler, Maler, Bildschnitzer, Vergolder« und andere hinzu. In dieser Hinsicht wie auch für die Materialbeschaffung bot Freiberg allerbeste Voraussetzungen. Weitere Orgelbau-Kunstwerke Gottfried Silbermanns sind beispielsweise die mehrmanualigen Orgeln in der Dresdener Sophien- und Frauenkirche (beide 1945 zerstört) sowie die grandiose Orgel der Dresdener katholischen Hofkirche. 1750 begann Silbermann mit dem Bau dieses Instruments. Doch sein Tod im Jahr 1753 ließ seinen Schüler Zacharias Hildebrandt im Jahr 1755 das Werk vollenden. Im November 2002 wurde diese Orgel wieder auf den ursprünglichen »alten französischen Kammerton« (a›415 Hz) eingestimmt. Von Gottfried Silbermanns nahezu 50 erbauten Orgeln blieben 30 Instrumente erhalten. Doch der »privilegierte Hoff- und Land-Orgelbauer« erwies sich auch als ein Meister im Bau von Cembali und Clavichorden. Eine Neuentwicklung war sein »Cymbal d'Amour«, eine Sonderform des Clavichords. Den von dem Italiener Bartolomeo Christofori um 1700 erfundenen Hammerflügel entwickelte Silbermann so perfekt weiter, dass ihn der Bach-Schüler und Berliner Hofkapellmeister Johann Friedrich Agricola gar als »eigentlichen Erfinder« dieses Instruments bezeichnete. Distanz zwischen Komponist und Orgelbauer Johann Sebastian Bach hat den Klang der Silbermannschen Hammerflügel »gerühmt, ja bewundert« - und mit ihm sein jüngster Sohn Johann Christian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart und viele andere. Allerdings fühlte sich Silbermann im Jahr 1736 durch eine Kritik Bachs an seinen Instrumenten so sehr verletzt, dass er über zehn Jahre hinweg keine Hammerflügel mehr baute. Überhaupt war das Verhältnis zwischen Bach und Silbermann durch eine merkwürdige Distanziertheit gekennzeichnet. Verbürgt ist nur eine einzige persönliche Begegnung zwischen den beiden und zwar bei der Beurteilung und Abnahme der Zacharias-Hildebrandt-Orgel in der Naumburger Wenzelskirche im Jahr 1746. Dennoch wusste auch der große Komponist Gottfried Silbermanns Schaffensprinzipien recht zu würdigen: Kunsthandwerkliche Perfektion, eine gelungene Synthese französisch-elsässischer und mitteldeutscher Traditionen, strenge Rationalität der Bauweise, Vertrautheit mit zeitgenössischer Musikpraxis und Ästhetik. Baldur Melchior - alle Rechte vorbehalten - ® 2003 Sonntagsblatt - Evangelische Wochenzeitung für Bayern