Sonntagsblatt - Evangelische Wochenzeitung für Bayern http://www.sonntagsblatt-bayern.de/woche/druck/text/1046858857-7470.txt Ausgabe/Datum: 10-09.03.2003 Glaube und Leben Sagen Sie mal, Abischag ... Serie: Interviews mit Personen der Bibel ...in Ihrem Alter bei einem alten Kerl im Bett zu liegen, stellen wir uns nicht gerade wie die Erfüllung des Lebenstraums einer jungen Frau vor. Abischag: Das war es auch nicht. Aber es hatte seinen ganz eigenen Reiz. Sie wurden quasi angestellt, um in dem 70-jährigem König David das Feuer der Lust zu entzünden. Aus heutiger Sicht klingt das nach Prostitution... Abischag: ...ein Job, der im alten Israel übrigens genauso verbreitet war wie bei Ihnen heute. Aber ich kann Sie trösten: Ich war keine Hure. Eher die erste professionelle Sterbebegleiterin der Weltgeschichte? Abischag: Ja, so kann man es nennen. Mein Auftrag war klar: Ich sollte König David umsorgen, in seinen Armen schlafen und seinen Körper wärmen. Das habe ich auch getan. Sie sollten an ihm aber nicht nur diakonische Taten vollbringen, sondern seine Gefühle in Wallung bringen. Das wussten Sie, als Sie Ihren Job antraten. Abischag: Sehen Sie es doch mal so: Die Gesandten des Königshofes suchten im ganzen Land nach der schönsten Jungfrau. Als sie mich in meinem Heimatdorf entdeckten und gleich mitnehmen wollten, fühlte ich mich natürlich geehrt. Sie waren sozusagen die erste Miss Israel. Abischag: Genau. Welche Folgen diese Berufung hatte, war mir damals nicht klar. Ich ließ mich drauf ein. Ich hätte mich Zeit meines Lebens gegrämt, wenn ich dieses Abenteuer im Königspalast abgelehnt hätte. Außerdem versetzen Sie sich bitte in unseren damaligen Glauben. Dazu gehörte die aus heutiger Sicht ziemlich abstruse Vorstellung, dass ein zeugungsunfähiger König seinem Land eine Zeit der Unfruchtbarkeit bringen würde. Den Zusammenhang von männlicher Potenz und Macht kennen Sie aus Ihrer Zeit sicher auch. Zugegeben, ja. Aber wir wollen nicht mit Ihnen über die sexuellen Triebe ehemaliger US-Präsidenten oder die vierte Ehe unseres Bundeskanzlers reden. Sondern über König David. Ihr Ziel haben Sie nicht erreicht. »Der König erkannte sie nicht«, lesen wir in der Bibel. Eine Umschreibung dafür, dass sie zumindest seine Lenden nicht erwärmen konnten. Abischag: Darauf habe ich es auch gar nicht angelegt, muss ich zugeben. Ich versüßte ihm den Lebensabend auf andere Weise. Ich erzählte ihm Geschichten und sang ihm Lieder vor, bei denen er selig einschlief. Gab ihm das Gefühl, dass jemand für ihn da ist - Tag und Nacht. Und, vielleicht das Wichtigste: Ich hörte ihm zu, als er sein Leben Revue passieren ließ. Eine Art Seelsorgerin also? Abischag: Nennen Sie es Beichtmutter. Bei alten Menschen ist es oft so: Sie spüren, dass der Tod naht und möchten noch einmal alles betrachten, was sie erlebt haben. Und David hatte wahrlich viel erlebt. Unter anderem hatte er einen Mann getötet, um dessen Frau Batseba zu bekommen. Haben Sie ihm dafür auch die Absolution erteilt? Abischag: Meine Aufgabe war nicht zu richten oder zu vergeben, sondern zuzuhören. Ich kann Ihnen versichern: Er hat sehr genau selbst gespürt, was gut und was schlecht gelaufen ist in seinem Leben. Vielleicht war seine Scham über vergangene Sünden auch der Grund, weshalb seine Manneskraft versagte. Seine Ehefrau Batseba kam eines Tages sogar in sein Gemach, als Sie bei ihm waren. Abischag: Ja, ich kann mich erinnern. Sie platzte rein und fiel vor ihm nieder. Liebe sprühte nicht gerade aus ihren Augen, als sie irgendwelche politischen Fragen mit ihm klären wollte. Mich beachtete sie gar nicht. So als sei ich ein Einrichtungsgegenstand. Der König starb, und Sie wurden mit leeren Händen zurückgeschickt. Abischag: Mit leeren Händen schon. Aber um einige unbezahlbare Erfahrungen reicher. Vielen Dank für das Gespräch. Interview: Juliane Werding & Uwe Birnstein ZUR PERSON ABISCHAG (geboren um 980 v. Chr.) Sehr schönes Mädchen aus Schunem, das von Palastgesandten auserwählt wurde, den alten und hochbetagten König David zu »wärmen«. Sie diente David in dessen letzten Lebensjahren, konnte seine Manneskraft jedoch nicht wecken. Nach Davids Tod wollte Davids Sohn Adonija Abischag heiraten und damit seine Thronfolgeransprüche untermauern. Salomo ließ ihn dafür umbringen. Quelle: 1. Buch der Könige 1-2 @Haben Sie Fragen an Menschen aus der Bibel? Stellen Sie sie ins Internet: www.sagen-sie-mal.de - alle Rechte vorbehalten - ® 2003 Sonntagsblatt - Evangelische Wochenzeitung für Bayern