Sonntagsblatt - Evangelische Wochenzeitung für Bayern http://www.sonntagsblatt-bayern.de/woche/druck/text/1028824900-7222.txt Ausgabe/Datum: 32-11.08.2002 Glaube und Leben Jesus und die Frauen Dunkle Kapitel der Bibel - schwierige Stellen in neuem Licht (27) »Maria hat das gute Teil erwählt« (Lukas 10,41f) Warum meckert Jesus an Martha herum, die ihn doch vorbildlich bedient? Jesus hat Frauen anders behandelt als es in der damaligen Männergesellschaft üblich war. Rabbiner hatten nur männliche Schüler, die - so der »technische« Ausdruck - »zu ihren Füßen saßen«. Es schickte sich nicht für einen Mann, mit einer fremden Frau zu sprechen. Frauen waren aus dem öffentlichen Leben weitgehend ausgeschlossen und an Haus und Herd gekettet. Das war nicht nur in der jüdischen Welt so, sondern auch in vielen anderen Gesellschaften. Bis heute gibt es auf dieser Erde zahlreiche Kulturen, in denen sich die Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern kaum geändert hat. Jesus hat sich über diese Rollenverteilung souverän hinweggesetzt. Mit der Samaritanerin am Jakobsbrunnen führt er ein langes theologisches Gespräch in partnerschaftlichem Ton (Johannes 4). Nicht nur Männer folgten ihm, sondern auch »etliche Frauen«. Die ersten Zeuginnen und Botinnen der Auferstehung waren Maria von Magdala und Salome. Als Jesus ins Haus seiner Freundinnen Maria und Martha einkehrt, tut Maria etwas damals Unerhörtes. Sie »sitzt zu seinen Füßen«, das heißt: Sie benimmt sich wie ein Rabbinenschüler. Martha hingegen bleibt in der angestammten Frauenrolle. Sie gönnt weder sich noch ihrer Schwester das Privileg des spirituellen Gesprächs. Gleichzeitig versucht sie, Jesus auf ihre Seite zu ziehen und ihn zum Advokaten der traditionellen Rollenverteilung zu machen: »Stört es dich nicht, dass ich hier rumrenne, und meine Schwester lässt sich's gut gehen? Sag ihr, dass sie mir helfen soll!« Aber diesen Schuh zieht Jesus sich nicht an. Er würdigt zwar die Mühe, die sich Martha macht, um ihn zu bewirten: »Martha, du hast viel Sorge und Mühe!« Aber dann verteidigt er Maria, die es sich gönnt, Schülerin und Dialogpartnerin des Meisters zu sein: »Maria hat (auch) etwas Gutes gewählt. Das soll man ihr nicht nehmen!« Jesus verweigert die Rolle des Paschas, der sich hinten und vorn bedienen lässt. Er gönnt auch Frauen einen gesunden Ausgleich von Geben und Nehmen, wobei das Empfangen immer vor dem Geben kommt. Und außerdem hat alles seine Zeit. Es gibt eine Zeit zum Hören und eine Zeit zum Handeln. Man kann einen anderen Menschen nicht nur dadurch würdigen, dass man ihn betüddelt, sondern noch viel mehr dadurch, dass man ihm Zeit schenkt. Das Geben und Dienen hat eine Schattenseite. Es gibt Menschen, die so viel für andere tun, dass sie dabei sich selbst vernachlässigen und vergessen. Sie laufen vor den eigenen Problemen davon, indem sie die Probleme anderer zu lösen versuchen. Außerdem steckt in jedem Diener ein Herrscher. Wer dient, hat Anspruch auf Dank. Wer dient, macht sich unter Umständen unentbehrlich. Durch Dienen kann man auch manipulieren. Psychologen sprechen vom »Helferkomplex«. Menschen, die davon betroffen sind, definieren sich selbst als Diener, Helfer und Wohltäter. Nur die eigene Not und Bedürftigkeit sehen sie nicht. Sie können nicht zulassen, anderen zur Last zu fallen oder Hilfe anzunehmen. Ein Autor hat sein Buch über das Helfersyndrom betitelt: »Die hilflosen Helfer«. Solche Menschen geben mehr als sie haben, weil sie nicht nehmen können und sich der eigenen Bedürftigkeit schämen. Hinter dem Helfersyndrom steckt eine persönliche Not. Menschen, die in dieser Hinsicht gefährdet sind, haben oft in der Kindheit nur dann Liebe und Anerkennung bekommen, wenn sie sich nützlich gemacht haben. So haben sie den Eindruck gewonnen, sie sind nur etwas wert, wenn sie gebraucht werden. Deswegen brauchen sie es, gebraucht zu werden. Wenn sie anderen helfen, steckt darin ein großer Schuss Egoismus. Weil sie sich selbst nicht genügend lieben, versuchen sie diesen Mangel durch »Nächstenliebe« auszugleichen, bei der es aber in erster Linie darum geht, sich selbst Dank und Anerkennung zu holen. Ihre Art von Liebe tut auch anderen nicht gut. Sie hat etwas Unechtes und Klebriges. Sie kann nicht loslassen. Sie ist bevormundend und nicht freigebend. »Helfer« können nur heil werden, wenn sie sich erlauben, auch für sich selbst zu sorgen. Das bedeutet nicht, dass echtes Dienen an sich etwas Minderwertiges ist. Auch Jesus versteht sein Leben als Dienst. Aber er legt immer wieder Pausen ein. Er zieht sich regelmäßig zurück, um zu regenerieren im Gespräch mit Gott. Wer das nicht tut, brennt aus. Irgendwann rächt sich der Körper. Manchmal zwingen erst Krankheiten notorische Helfer, zur Ruhe kommen. Gottesliebe, Nächstenliebe und Selbstliebe sind bei Jesus in Balance. Und um diese Balance geht es ihm auch, als er das Ansinnen Marthas zurückweist, Maria zurück an den Herd zu schicken. In der Geschichte des Christentums gab es immer wieder die Tendenz, Frauen auf die Martharolle zu reduzieren. Es gehört zu den großen weiblichen Emanzipationsbewegungen, dass im Mittelalter viele Frauen anfingen, sich der angestammten Rolle zu entziehen und kontemplative Orden zu gründen, also ein Leben zu wählen, das mehr vom Hören und vom Gespräch mit Gott bestimmt war als von der allzu »aufopferungsvollen« Aufgabe der Dienerin. Vielleicht sind sogar die modernen Emanzipationsbewegungen der Frauen eine Fernwirkung der Haltung Jesu, Frauen als gleichwertiges Gegenüber zu achten. Wir wissen nicht, wie die Geschichte von Maria und Marta weitergegangen ist. Vielleicht hat Martha dazugelernt und sich auch dem Meister »zu Füßen« gesetzt. Und vielleicht haben am Ende alle drei gemeinsam aufgeräumt und abgewaschen - und Jesus hat abgetrocknet. Wer weiß. 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