Sonntagsblatt - Evangelische Wochenzeitung für Bayern http://www.sonntagsblatt-bayern.de/woche/druck/text/1026913284-11487.txt Ausgabe/Datum: 29-21.07.2002 Glaube und Leben Die Wahrheit hinter dem äußeren Geschehen Dunkle Kapitel der Bibel - Schwierige Stellen in neuem Licht (26) Nach Matthäus 26,36-46 betet Jesus in Gethsemane. Wie konnten die Jünger Jesu Gebet kennen und tradieren, wenn sie doch abseits geschlafen haben? ’Flügelaltar Wer hat das Gebet Jesu überliefert? Die schlafenden Jünger in Gethsemane auf einem von Flügelaltar von Hans Mutschler, (1458), Sterzing, Südtirol. Foto: Holder. Die Szene in Gethsemane ist nicht die einzige Stelle in der Bibel, die eine solche Frage nahe legt. Immer wieder werden Gebete einzelner überliefert, bei denen man sich fragen kann, woher andere den Wortlaut eigentlich wissen. Man denke etwa an die Dialoge zwischen Mose und Gott in der Berufungsszene (2. Mose 3) oder auf dem Berg Sinai (z.B. 2. Mose 32,7ff), an die Worte des Propheten Elia am Horeb (1. Kön 19) oder das Gebet des Jona im Leib des Fisches (Jona 2,2 ff). All diese Szenen sind ohne Zeugen und ganz intim geschehen - und wurden trotzdem überliefert. Wie lässt sich das verstehen? Die biblischen Autoren verstanden sich nicht als »objektive« Berichterstatter, die - wie heute etwa ein Kameramann für eine Nachrichtensendung - wichtige Geschehnisse aufzeichneten, um sie der Nachwelt zu überliefern. Es ging ihnen vielmehr um Wahrheiten des Glaubens, um die Beschreibung des inneren Geschehens zwischen Menschen und Gott, um eine Wirklichkeit also, die jenseits vordergründiger Realitäten in die Tiefe blickt. Die Gethsemane-Szene wurde von Matthäus sehr kunstvoll gestaltet. Vom Aufbau her gleicht sie einem Gedicht: Erzählung und Rede wechseln in gleichmäßigen Abschnitten; die Erzählung ist in dreigliedrigen, die Rede jeweils in zweigliedrigen Sätzen abgefasst. Drei Mal wiederholt sich - mit gewissen Steigerungen - das Gebet und danach jeweils das Auffinden der schlafenden Jünger. Eine Dramatik liegt in dieser Dreizahl, die seit jeher für besonders spannungsvolle Momente benutzt worden ist. Wir finden sie im Neuen Testament z.B. in der Geschichte von der Verleugnung des Petrus (Mt 26,69-75), im Dialog zwischen dem Auferstandenen und Petrus (Joh 21,15-17) oder in der Vision des Petrus in Joppe (Apg 10,9-16). Im Gebet Jesu im Garten Gethsemane gibt es ferner eine ganze Menge Anklänge an bekannte Texte: Dass seine Seele »betrübt ist bis an den Tod«, erinnert an Ps 41,6: »Was betrübst du dich, meine Seele und bist so unruhig in mir?«. In V. 39 berichtet Matthäus, dass Jesus »auf sein Angsicht« gefallen sei. Das ist seit uralter Zeit eine Geste, die in besonderen Krisen- und Konfliktsituationen ausgeführt wurde (vgl. z.B. 1. Mose 17,3; 4. Mose 14,5; 4. Mose 16,4 u.a.) und die hier die Dramatik und Ernsthaftigkeit der Situation unterstreicht. Die Worte »mein Vater«, »es geschehe dein Wille« (V. 39) und »...dass ihr nicht in Versuchung fallt« (V. 41) sind deutliche Anklänge an das Vaterunser, das Jesus seine Jünger zu beten gelehrt hatte (Mt 6,9-13). Er hatte Gott immer wieder als seinen Vater bezeichnet. Für den jüdischen Leser wird diese Gethsemane-Szene daher möglicherweise auch Assoziationen an die Geschichte von Isaaks Opferung (1. Mose 22) freigesetzt haben. Schließlich besitzt sogar der Name des Ortes, an dem die nächtliche Szene spielt, eine gewisse Symbolik, die damaligen Hörern sicher aufgefallen ist: »Gethsemane« ist der Ort am Ölberg, an dem die Oliven zwischen zwei riesigen Mahlsteinen zu Öl gepresst wurden. Der Druck, der auf Jesus lastete, die Notwendigkeit, sich hinzugeben in den Tod - all das schwingt für Hebräisch sprechende Menschen bereits in dem Namen »Gethsemane« mit. Es geht dem Evangelisten Matthäus also durchaus um eine wahrheitsgetreue Schilderung der dramatischen Bedrängnis, in der sich Jesus in der Nacht vor seinem Tod befunden hat. Die Frage, ob nun jedes einzelne Wort aus seinem Gebet genau so und nicht anders gesprochen wurde, verliert an Bedeutung, wenn man sich auf die großartige Beschreibung der Szene einlässt. Denn Wahrheit ist immer mehr als das, was äußerlich dokumentiert werden kann. Ulrike Aldebert Haben Sie Fragen zur Bibel? Schicken Sie Ihre Fragen zur Bibel über email, sonntagsblatt@epv.de oder mit gelber Post an die Redaktion des Sonntagsblattes, Birkerstraße 22, 80636 München, Sichwort "Bibel". Ein Team aus erfahrenen Theologinnen und Theologen antwortet im Sonntagsblatt. - alle Rechte vorbehalten - --------------------------------------------- Bildtext: Sonntagsblatt-Autorin Ulrike Aldebert ist Rundfunkpredigerin und Pfarrerin im oberbayerischen Icking --------------------------------------------- ® 2002 Sonntagsblatt - Evangelische Wochenzeitung für Bayern