Sonntagsblatt - Evangelische Wochenzeitung für Bayern http://www.sonntagsblatt-bayern.de/woche/druck/text/1019654334-28931.txt Ausgabe/Datum: 17-28.04.2002 Glaube und Leben Ist Arbeit das halbe Leben? Dorothee Sölle im Gespräch »Ora et labora« verordnete der heilige Benedikt im 6. Jahrhundert seinen Mönchen. Was ist davon in der postindustriellen Gesellschaft noch übrig? Die Theologin Dorothee Sölle über das neuzeitliche Missverständnis von Arbeit und den Sinn des 1. Mai. Der Volksmund sagt, Arbeit sei das halbe Leben. Hat er Recht? Sölle: Erst einmal ist das eine schöne These. Sie spricht zunächst einmal dagegen, dass Arbeit das ganze Leben sei, dass also eine 60-Stunden-Woche das Mindeste sei für einen erfolgreichen Manager. Aber vielleicht ist es eine etwas ungenaue Beschreibung, die andere Hälfte als Freizeit zu bezeichnen, weil das eigentlich ja gar nichts heißt. Heißt das, das Leben genießen, heißt das, vor dem Fernseher hocken, 6 Stunden am Tag, 8 Stunden am Tag, oder was heißt das? Das müsste man sich fragen. Ich würde eigentlich lieber mein Leben einteilen wollen in einen Teil Arbeit in diesem altmodischen Sinn, also von Erwerbsarbeit, Arbeit in einem neumodischen Sinn, für die man nichts kriegt, aber glücklich ist, und dann noch ein Drittel Freundschaft, Beziehungen, meinem Enkelkind Geschichten erzählen. Die herkömmliche Definition beschreibt Arbeit immer noch als den Teil des Lebens, der Geld bringt. Sölle: Ja, das ist dieses eine Drittel, was ich meinte. Ich glaube, diese Definition von Arbeit ist sicher falsch. Das ist ein männisches Verständnis, das eben die Hälfte der Menschheit ausschließt. Sonst hätten Frauen ja jahrhunderte- lang nie gearbeitet, sie haben nämlich nie Geld bekommen für die wichtigsten Arbeiten wie die Erziehungsarbeit, die Pflegearbeit, die Hausarbeit. Geld ist zum Leben notwendig in unserer Gesellschaft, aber es ist tatsächlich nicht die einzige Notwendigkeit. Arbeit ist auch da, wo zum Beispiel durch Frühverrentung die bezahlte Arbeit weg ist. Auch dort bleibt Arbeit immer noch notwendig. Arbeit ist einfach ein Menschenrecht. Menschen sind dazu auf die Welt gekommen, das hatte sich Gott so gedacht, dass wir den Garten pflegen und bewahren sollen. Das ist der allererste Beruf, der schon in der Bibel vorkommt. Horcht man in die Gesellschaft, so werden Glück und Arbeit oft getrennt. Ist Arbeit kein Ort für Glücksgefühle? Sölle: Das ist ja wirklich ein barbarischer Satz! Also in meiner Lebenserfahrung - ich hab hauptsächlich freiberuflich gearbeitet, als Schriftstellerin - ist Arbeit ein großer Ort von Glück, von sich selber kennen lernen, sich ausprobieren, wachsen an einer Arbeit, die mir zu schwer ist und von der ich nichts verstehe, wo ich erstmal gucken muss, was es überhaupt ist, was ich da riskiere, was da mit mir passiert. Also Arbeit ist auch und zuallererst Selbstausdruck und schon in diesem Sinn ein Stück Glück. Eigentlich ist es als ein Glück anzusehen, dass die Fließbandarbeit jetzt von Maschinen gemacht wird, so dass Frauen jetzt nicht mehr in irgendwelchen Kästen stehen müssen und sinnlose Bewegungen 8 Stunden am Tag machen, wo sie nicht genau wissen, was für ein Produkt da rauskommt. Dient die Arbeit dazu, dem Sinn des Lebens näher zu kommen? Sölle: Ja, einen Teil des Sinnes, würde ich sagen. Ich empfinde Arbeit sehr stark als eigentlich zwei Dinge: einmal als Selbstausdruck; ich lerne mich kennen und wachse an dem, was ich tue. Und zwar auch im Alter: Man lernt immer noch, der Mensch ist immer ein Lerner, wie die Juden sagen, und ein Lehrer, eine Lehrerin. Die zweite Dimension, die mir ganz wichtig ist, ist die Kommunikation. Arbeit verbindet mich mit anderen Arbeiterinnen und Arbeitern. Es ist eben nicht der einsame Mensch, der da sich irgendwas zurechtgrübelt, sondern jemand, der mit anderen eine Lebenswelt aufbaut, in der Kinder lachen dürfen und alle was zu tun haben und alle glücklich sind. Das ist natürlich ein Traum, aber den muss man träumen. Arbeit hat immer Gemeinschaft geschaffen. Miteinander sein. Miteinander sich ärgern, miteinander lachen, miteinander Witze reißen. Das gehört mit in die Arbeitswelt hinein. »Ora et labora« verordnete der heilige Benedikt im 6. Jahrhundert seinen Mönchen. - alle Rechte vorbehalten - --------------------------------------------- Link: Lesen Sie weiter im zweiten Teil des Beitrags --------------------------------------------- ® 2002 Sonntagsblatt - Evangelische Wochenzeitung für Bayern