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Evangelische Wochenzeitung für Bayern

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Ausgabe - vom (Datum): 29-20.07.2003


Kapellen in Kliniken

Raum für Trauer und Abschied

Tod und Trauer sind Tabuthemen, die auch räumlichim Krankenhausalltag weit an den Rand gedrängt werden. Kapellen und Abschiedsräume spielen in Kliniken meist eine marginale Rolle. Doch nun soll das anders werden: Kunst zieht in die Krankenhauskapellen ein.

Ein dunkler Kellerraum direkt neben der Abstellkammer der Putzfrauen, eine weiß gekachelte Halle oder ein kleines Zimmerchen, in dem ein Holzgestell als Altar dienen muss. Tod und Trauer sind mancherorts immer noch Tabuthemen, die auch räumlich im Krankenhausalltag möglichst weit an den Rand gedrängt werden. Nun kommt es offenbar zu einer Trendwende: Immer mehr Kapellen und Abschiedsräume werden künstlerisch umgestaltet oder neu eingerichtet.

Deutlich wurde dieser Trend jüngst bei einer Tagung im Kloster Andechs. Der Einladung des Kunstbeauftragten der bayerischen Landeskirche, Kirchenrat Andreas Hildmann, waren knapp 100 Gäste gefolgt: Architekten, Künstler, Seelsorger und Interessierte kamen, um über Visionen für Kapellen und Abschiedsräume zu diskutieren.

Wie schwierig eine zeitgemäße Gestaltung von Abschiedsräumen sein kann, erläuterte der Kunstmaler Wolfgang Duck anhand eines Raumes im Nürnberger Krankenhaus Martha Maria, den er gestalten sollte. Als er zum ersten Mal in den dunklen Kellerraum neben der Pathologie kam, habe er gedacht, »das Projekt lasse ich lieber bleiben«, erzählt Duck. Denn der Raum mit niedrigen Decken und muffigem Geruch glich eher einem Depot für Instrumente und Gerätschaften als einem Abschiedsraum.

Mit viel Licht und Farbe schuf er aus der dunklen Kammer einen Raum, der den Anforderungen eines Krankenhausbetriebs ebenso entspricht wie den Bedürfnissen der Angehörigen. Zentrales Element des Raumes ist eine Wand aus gelben Lamellen, die gedreht werden können und damit den Lichteinfall regulieren. Der Boden besteht aus Schieferplatten, die einen Kreis markieren, und an der Wand hängt ein Kruzifix, das bei Bedarf auch entfernt werden kann. Bis auf einen Ambo aus Katarakt-Gestein und wenigen Stühlen ist der Raum leer. »Ebenso wie sich die Lebenden von den Toten verabschieden müssen, müssen sich auch die Toten von den Lebenden lösen«, meint Duck. Mobiliar stehe diesem Prozess nur im Wege.

»Abschiedsräume sind keine Aufbahrungsräume«, betont auch der Münchner Krankenhausseelsorger Peter Frör. Deshalb sei ihre Gestaltung wichtig: Diese müsse den Abschied unterstützen und symbolhaft betonen. »Hier geht es um mehr als Ästhetik und Zweckmäßigkeit, hier geht es auch um ein sichtbares Zeichen für das Ende des Lebens«, so Frör. Schließlich stürben die meisten Menschen nicht mehr zu Hause, sondern im Krankenhaus, im Pflegeheim oder im Seniorenheim. »Heute heißt Sterben zu 80 Prozent Sterben auf Station«, so Frör. Im schlimmsten Fall auf der Intensivstation, in einem Bett, das lediglich durch einen Vorhang geschützt werden kann, mit piepsenden Geräten und etlichen Instrumenten. Umso wichtiger sei es deshalb auch für Seelsorger, den Menschen dabei zu helfen, den Abschied zu gestalten und ihnen einen Raum zu geben für ihre Emotionen.

Für unverzichtbar hält der Mediziner Gian Domenico Borasio Kapellen und Abschiedsräume in Krankenhäusern: »Sie strahlen auf die gesamte Station aus«. Borasio leitet die bundesweit erste Einrichtung für Palliativmedizin an der Universitätsklinik München. Die Klinik verbindet die Bereiche Onkologie, Neurologie und Anästhesie miteinander und hat das Ziel, die Lebensqualität schwerstkranker und sterbender Menschen zu verbessern. Damit die Patienten so aktiv wie möglich bis zu ihrem Tod leben können, ist neben der Pflege daher auch eine »gute Kommunikation und seelsorgerliche Begleitung notwendig«, so Borasio.

Der Abschiedsraum in der Klinik in Großhadern nimmt dabei einen wichtigen Platz ein. In dem Zimmer, dessen zentrales Element eine Glaswand des Künstlers Holger Bollinger ist, können sich Mitarbeiter ebenso wie Angehörige von Verstorbenen verabschieden – zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Das ungewöhnlichste Projekt für einen Sterberaum präsentierten in Andechs der Münchner Bildhauer Werner Mally zusammen mit dem Architekten Christian Rampl. Der Abschiedsraum für ein regensburger Krankenhaus erinnert an das Innere einer Muschel: Wände und Bemalung markieren einen spiralförmigen Raum. Diese Form soll, zusammen mit einem blaugrünen Anstrich, den Besuchern ein Gefühl von »Langsamkeit, Stille, Weite und Wärme« vermitteln. Waschbecken und Technikraum werden dabei raffiniert hinter einer Schiebetür versteckt. An dem Projekt von Mally wird das Dilemma der meisten Abschiedsräume und Kapellen in Kliniken deutlich: Sie sind zwar erwünscht, doch meistens nicht im Finanzierungsplan vorgesehen – geschweige denn im Bauplan. So besteht Mallys Konzept derzeit nur auf Papier und als Modell – denn das notwendige Geld, rund 50 000 Euro, fehlt noch. Derzeit wirbt die Klinik mit einem Prospekt um Spenden.

»Kranksein und Sterben muss einen wichtigeren Stellenwert bekommen«, ist Andreas Hildmann daher überzeugt. »Die Menschen müssen lernen, zuzulassen, dass sie krank werden und sterben können.« Dazu gehöre auch eine stärkere Auseinandersetzung mit Kapellen, Sterbe- und Abschiedsräumen in öffentlichen Einrichtungen.

Zwar haben Kapellen in den meisten Kliniken und Krankenhäusern eine längere Tradition, doch gibt es auch in diesem Bereich ungewöhnliche Projekte. Ein Kleinod ist die Kapelle im Kreiskrankenhaus Friedrichshafen des Ehepaars Susanna und Bernhard Lutzenberger. Zentrales Element der Kapelle ist eine Glaswand, vor der eine Art Vorhang aus dünnen Marmorplättchen hängt. Auf diese wurde mit Goldstaub eine romanische Christusfigur gedruckt, die je nach Lichteinfall reflektiert oder nur als dunkler Schatten wahrgenommen wird. Der Raum soll »die Sinne berühren und auf Verborgenes, Transzendentes verweisen«, so Susanna Lutzenberger.

Weniger verspielt, sondern nüchtern und streng wirkt dagegen die Kapelle in München-Alt-Perlach des Künstlers Holger Bollinger. Aus dem quadratischen Zimmer hat er mit Ahornholzboden, einem Gemälde und viel Gold- und Gelbtönen einen hellen Raum geschaffen, der den Besuchern »Freiraum zum Atmen« bietet.

Aufgabe für Planer und Architekten

Krankenhauskapellen und Abschiedsräume, das hat die Tagung in Andechs deutlich gemacht, sind ein gesellschaftlich relevantes Thema, das längst mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Was also muss geschehen? Zum einen wäre eine Studie wünschenswert, die bestehende Kapellen und Abschiedsräume auf ihre theologischen, ästhetischen und funktionalen Aspekte hin untersucht. Ein Gespräch mit Experten aller Bereiche – wie Architekten, Seelsorger, Künstler oder Ärzten – ist dabei unerlässlich.

Zum anderen wird es vor allem darum gehen müssen, die Auseinandersetzung mit Themen wie Sterben, Tod und Trauer in der breiten Öffentlichkeit zu fördern. Nur dann werden Kapellen oder Abschiedsräume künftig schon bei der Planung von Krankenhäusern und Kliniken einen angemessenen Raum und eine maßgebliche finanzielle Unterstützung erhalten.

Rieke Harmsen


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