Sagen Sie mal, namenlose Mutter,...
... haben Sie wirklich geglaubt, Ihr Sohn kehrt heil aus dem Krieg zurück?
Mutter: Natürlich. Sisera war so tapfer. Und gleichzeitig so vorsichtig. Außerdem hatte sein König Jabin ihm versichert, seine Soldaten würden ihn schützen. 900 Streitwagen hatte der König organisiert.
Zunächst mal: Uns fällt es schwer, Sie anzureden. Weshalb hat Ihnen der Verfasser des biblischen Richter-Buches keinen Namen gegeben?
Mutter: Darüber habe ich mich auch gewundert und geärgert. Sehr sogar. Dabei kannten alle meinen Namen. Das Schicksal und die Namen von Kriegern scheint den Verfassern der Bibel wichtiger gewesen zu sein als die Gedanken und Gefühle ihrer Frauen und Mütter.
Vielleicht tröstet es Sie nicht, aber dieses Muster durchzieht nicht nur die biblische, sondern die gesamte Geschichte bis heute. Die Namen der Feldherren aller Kriege werden konserviert, benennen Straßen und Gebäude, müssen von Schülern auswendig gelernt werden.
Mutter: Tatsächlich immer noch? Ich hatte gehofft, dass sich das in den 3000 Jahren nach meinem Leben ändern würde...
... und auch Ihr Schicksal teilen unzählige Frauen der Welt: Ihre Söhne ziehen in den Krieg, die Mütter und Ehefrauen warten, hoffen und bangen um ihre Wiederkehr...
Mutter: ...und sitzen am Ende genauso ratlos und trauernd am Fenster wie ich. Da kommen dunkle Gedanken hoch, sage ich Ihnen: Ich sah meinen Sohn tot vor seinen Feinden liegen. Sein Körper blutüberströmt, sein Gesicht schmerzverzerrt. Ich träumte, dass seine Feinde ihm seine Kleider vom Körper rissen und unter sich aufteilten. Später zeigte sich, dass die Wirklichkeit grausamer war, als ich mir in meinen schlimmsten Albträumen hatte ausmalen können.
Nämlich?
Mutter: Sisera starb nicht im Kampf, sondern wurde in seinem Bett ermordet.
Wenigstens ein schönerer Tod als auf dem Schlachtfeld.
Mutter: Meinen Sie? Ich hoffe, dass er nur kurzen Schmerz erleiden musste, als ihm ein Pflock durch die Schläfen geschlagen wurde. Und wissen Sie, was mich am meisten wurmt? Dass auch noch eine Frau, eine Geschlechtsgenossin, meinen Sohn umgebracht hat.
Ui. Das entkräftet jedenfalls das Klischee, Frauen seien durch und durch friedliebende Geschöpfe.
Mutter: Davon machen Sie sich und Ihre Leserinnen um Gottes willen frei. Gleich zwei Frauen sind für den Tod meines Mannes verantwortlich: Debora, eine anscheinend außergewöhnlich machtbewusste Richterin aus Israel, befahl den Angriff auf unser Volk. Und Jael, die Frau eines Nomaden, schlug ihm nachts den Pflock durch den Kopf.
Schrecklich. Bisher dachte ich, die Waffen einer Frau seien eher textiler Natur.
Mutter: Finden Sie, dies ist der richtige Ort, Scherze zu machen?
Entschuldigung.
Mutter: Was auch zu denken gibt: Anders als ich werden diese kriegerischen Frauen mit Namen genannt. Debora gilt als ruhmreiche und weise Kriegerin. Jael wird als »Frau aller Frauen« gepriesen. Das Schicksal von uns wartenden Müttern dagegen bleibt im Halbdunkel.
Auch das ist immer noch so, wenn ich's mir recht überlege. Da gibt es machtbewusste Frauen in den Kriegszentralen der mächtigsten Staaten der Erde; sie beraten ihre Könige und schicken bis an die Zähne bewaffnete Soldatinnen in den Krieg.
Mutter: Und die anderen Frauen, die daheim auf ihre Söhne warten?
Die werden nur dann erwähnt, wenn ihre Männer gefallen sind und im fahnengeschmückten Sarg nach Hause transportiert werden.
Mutter: Dann hat die Menschheit nichts dazugelernt?
Nicht wirklich. So traurig das ist.
Wir danken Ihnen für das Gespräch.
Interview: Juliane Werding & Uwe Birnstein
ZUR PERSON
DIE MUTTER SISERAS »spähte zum Fenster hinaus uns klagte durchs Gitter«, heißt es in der Geschichte des Kampfes zwischen dem kanaanitischen König Jabin und dem von Barak befehligten israelitischen Heer. Sisera, der Jabins Heer führte, floh in das Zelt des Nomaden Heber. Dessen Frau Jael bewirtete ihn zunächst; nachts »zermalmte und durchbohrte sie seine Schläfe« mit einem Holzpflock. Die Bibel wertet den Mord als von Gott gewirkt. Von Siseras Mutter ist nur ihre Trauer überliefert.
Quelle: Buch der Richter 5, 28-31
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