Pfarrer Umfrid widerstand und bezahlte mit dem Leben
Vor 70 Jahren, im Frühjahr 1933, noch ganz am Anfang und doch schon in der entscheidenden Phase der »Machtergreifung« kam es zu ersten Pogromen und Boykottaktionen im »Dritten Reich«. Nur wenige hatten die Weitsicht oder zumindest die Ahnung, wohin das führen könnte, und fanden die Kraft zum Widerstand. Einer, der heute weitgehend vergessen ist, war der evangelische Pfarrer Hermann Umfrid, der gegen den Strom auch der vielen protestantischen Unterstützer des Nationalsozialismus schwamm und Mut zur Mitmenschlichkeit und Zivilcourage bewies.
Von Björn Mensing
Noch vor dem reichsweiten Judenboykott am 1. April 1933 gab es im württembergischen Franken nahe der Grenze zu Bayern die ersten grausamen Pogrome. SA-Leute holten am 18. März 1933, einem Samstag, dem jüdischen Schabbat, Männer aus der Synagoge in Öhringen und trieben sie zusammen mit verhafteten Kommunisten unter Schlägen und Verhöhnungen durch die Kleinstadt. Die drei evangelischen Pfarrer der Stadt protestierten mit einer Erklärung in der Lokalzeitung, dem »Hohenloher Boten«: »(Es) muss gesagt werden, dass hier, zudem vor einer zahlreich herumstehenden Jugend, Dinge geschehen sind, die allem rechtlichen und menschlichen Empfinden widersprechen. Wir fühlen uns von Amts wegen verpflichtet, darauf öffentlich hinzuweisen [...]. Das Große, das jetzt vom deutschen Volk erlebt wird, sollte nicht durch ein eigenmächtiges Vorgehen nachgeordneter Stellen, die hierfür nicht die Zustimmung ihrer Vorgesetzten finden werden, beeinträchtigt werden.«
Die Nationalsozialisten reagierten auf die zurückhaltende Mahnung mit der Ankündigung der Fortsetzung der »Säuberungsaktion«. Der Ortsgruppenleiter verbat sich »jede kritische Betrachtung energisch«.
Und am folgenden Samstag, dem 25. März 1933, fiel von Heilbronn aus eine Horde von 30 gröhlenden SA-Leuten, Polizisten und Kriminalbeamten, in weitere hohenlohische Orte mit jüdischen Gemeinden ein. Erstes Ziel war am frühen Morgen die überwiegend evangelische Kleinstadt Niederstetten, in der von den etwa 1700 Einwohnern 81 zur alteingesessenen jüdischen Gemeinde gehörten. Gewaltsam drangen die Nationalsozialisten in die jüdischen Häuser ein, durchsuchten diese - erfolglos - nach Waffen und staatsfeindlicher Literatur und schleppten die Männer zum Rathaus.
Während der Ortspolizist die Rathaustreppe bewachte, schlugen die SA-Leute die Juden mit Stahlruten zusammen. Einige wurden so schwer verletzt, dass sie später in einer Würzburger Klinik behandelt werden mussten. Acht Juden wurde in »Schutzhaft« genommen und später in Konzentrationslager verschleppt. Die nächste Station des Nazitrupps war Creglingen im Taubergrund, direkt an der württembergisch-bayerischen Grenze. Aus dem Synagogengottesdienst heraus trieben sie 18 Männer zum Rathaus, wo diese ähnlich wie in Niederstetten misshandelt wurden. In ihrem Machtrausch schnitten die Nazis hier den Juden auch noch die Haupt- und Barthaare ab. Hermann Stern und Arnold Rosenfeld starben an den Folgen der barbarischen Quälereien.
Nach den Pogromen vom 25. März 1933 wagte nur der evangelische Pfarrer von Niederstetten, Hermann Umfrid, den öffentlichen Protest, den er schließlich als erster evangelischer Christ mit seinem Leben bezahlen sollte. Wer war dieser Landpfarrer, der sich bisher in keinem Standardwerk zum Kirchenkampf findet?
»Friedenshetzer« und »Freund der Juden«
Hermann Umfrid wurde am 20. Juni 1892 in Stuttgart geboren und wuchs als ältestes von vier Kindern in einer weltoffenen württembergischen Pfarrersfamilie auf. Besonders stark prägte ihn sein Vater Otto Umfrid, der als überzeugter Pazifist viele Jahre lang zweiter Vorsitzender der Deutschen Friedensgesellschaft war - und innerhalb seiner Kirche als »Friedenshetzer« und »Freund von Juden und Judengenossen« beschimpft wurde. Sohn Hermann begann 1910 zunächst ein Jurastudium, wechselte aber ein Jahr später zur Theologie. 1914 war dann wohl der Zeitgeist stärker als der väterliche Einfluss. Wie seine Kommilitonen meldete sich Umfrid freiwillig zum Kriegsdienst. Aus der französischen Kriegsgefangenschaft kam er wegen lebensbedrohlicher Erschöpfung in einer Aktion des Roten Kreuzes in die Schweiz. Nach der Genesung studierte er in Zürich bei dem Theologieprofessor und Sozialisten Leonhard Ragaz, der ihm zum väterlichen Freund wurde. Nach der Rückkehr nach Deutschland Ende 1917 legte er sein Theologisches Examen ab. Als Sohn eines Pazifisten erhielt Umfrid erst 1922 nach neun Vikariats- und Pfarrverweserstellen seine erste ständige Pfarrstelle in Kaisersbach, 1929 wechselte er nach Niederstetten. 1923 heiratete er Irmgard Silcher; den beiden wurden vier Kinder geschenkt. Neben seiner Gemeindearbeit, in der er zusammen mit seiner Frau viel Gutes für Arbeitslose und andere in Not Geratene tat, hielt er im In- und Ausland Kontakt zu Pazifisten und religiösen Sozialisten.
Am 25. März 1933 berichtete die Gemeindeschwester ihrem Pfarrer von den Verletzungen der misshandelten Juden. Umfrid äußerte sich in seiner Predigt am folgenden Tag zwar grundsätzlich positiv zu der politischen »Umwälzung« in Deutschland, nahm aber auch Stellung zu dem Pogrom: » (...) Strafen und Macht brauchen darf nur die Obrigkeit, und alle Obrigkeit hat über sich die Obrigkeit Gottes und darf Strafe nur handhaben gegen die Bösen und nur, wenn gerechtes Gericht gesprochen ist. Was gestern in unserer Stadt geschah, das war nicht recht. Helfet alle, dass der Ehrenschild des deutschen Volkes blank sei!«
Diese Aussage führte zu Angriffen durch örtliche Nationalsozialisten und eine Rüge durch den Stuttgarter Oberkirchenrat. Als Umfrid dennoch weiterhin öffentlich seine Solidarität mit den Juden demonstrierte, wurde er von der NSDAP verhört und mit KZ-Haft bedroht, wahrscheinlich auch körperlich misshandelt. Als er im Januar 1934 vom Kreisleiter zur Amtsniederlegung aufgefordert wurde, nahm er sich am 21. Januar 1934 das Leben, wohl um seine Familie vor einer Sippenhaft zu bewahren.
Spätestens seit dem 21. März 1933, dem »Tag von Potsdam«, der feierlichen Eröffnung des neuen Reichstags in der für Preußen symbolträchtigen Potsdamer Garnisonskirche mit dem von vielen Evangelischen als »Ersatzkaiser« verehrten Reichspräsidenten Paul von Hindenburg Seite an Seite mit Hitler, und seit dessen kirchenfreundlicher Regierungserklärung vom 23. März 1933 stand der deutsche Protestantismus fast geschlossen hinter der »nationalen Erhebung«.
Gutes Einvernehmen zwischen Kirche und NS-Staat
Auch die Kirchenleitungen bekundeten in den folgenden Wochen dem neuen System ihre Loyalität. Antikommunismus, deutschnationales Denken, antisemitische Ressentiments und volksmissionarische Hoffnungen ließen die evangelische Kirche über Terror und Unrecht der braunen Machthaber - das KZ Dachau wurde bereits am 22. März 1933 errichtet - hinwegsehen. Viele evangelische Christen, auch Pfarrer, die teilweise schon vor der »Machtergreifung« die NSDAP gewählt hatten, traten 1933 in die Partei und ihre Organisationen ein und beließen es oft nicht bei einer bloßen Mitgliedschaft.
Auch unter den führenden NS-Politikern gab es »gute« Protestanten, in Bayern beispielsweise Ministerpräsident Ludwig Siebert und Kultusminister Hans Schemm. Das gute Einvernehmen zwischen NS-Staat und kirchentreuem Protestantismus wurde erst durch die massiven Eingriffe in das innerkirchliche Leben getrübt, in Bayern im Herbst 1934.
Während also in der entscheidenden Phase der »Machtergreifung« der Protestantismus insgesamt erheblich zur Integrationskraft des Nationalsozialismus in der Gesellschaft beitrug, gab es auch in dieser Zeit schon einige evangelische Christen, die wie Hermann Umfrid gegen den Strom schwammen und Mut zur Mitmenschlichkeit und Zivilcourage bewiesen. Dietrich Bonhoeffers frühe kritische Äußerungen zur Judenverfolgung vom Frühjahr 1933 mit dem Appell an die Kirche, auch den nichtchristlichen »Opfern des Staatshandelns« beizustehen und, wenn nötig, »dem Rad selbst in die Speichen zu fallen«, sind weithin bekannt.
Von München aus bemühte sich der Jurist und Bankdirektor Wilhelm von Pechmann, der in Bayern und reichsweit führende kirchliche Ehrenämter innehatte, um kirchliche Proteste gegen den Boykott vom 1. April 1933. Vor der Tagung des Deutschen Evangelischen Kirchenausschusses - vergleichbar mit dem heutigen Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland - im April 1933 bat er dessen Präsidenten Hermann Kapler um Aufnahme der Judenverfolgung auf die Tagesordnung: »...sie hat über unzählige Familien, die sich mit vollem Recht christlich nennen, namenloses Leid gebracht. Angstvoll warten diese unsere Kirchenmitglieder von einem Tag zum andern auf ein Wort ihrer Kirche, welche ihnen, wie sie mit vollem Recht annehmen, schuldig ist, sie zu schützen. Aber darüber hinaus kann und darf die Kirche auch zu dem nicht schweigen, was unter Verletzung christlicher Gerechtigkeit und Liebe gegen jüdische Volksgenossen geschehen ist und geschieht. Auch hier hat die Kirche eine Mission zu erfüllen, der sie sich nicht entziehen kann, ohne sich selbst untreu zu werden«. In der Sitzung bemühte sich von Pechmann energisch, den Kirchenausschuss zu einem »klaren Wort« in der »Judenfrage« zu bewegen: »Von einigen schüchternen und verklausulierten Zustimmungserklärungen abgesehen, bin ich indessen (...) mit dem Antrag auf eine öffentliche Kundgebung ganz allein geblieben.« - In Vertretung des wenige Tage zuvor zurückgetretenen bayerischen Kirchenpräsidenten Veit hatte aus München auch Oberkirchenrat Hans Meiser, der spätere Landesbischof, an dieser Sitzung am 26. April 1933 teilgenommen.
Als der Kirchenausschuss den Antrag ablehnte und die organisatorische Selbstgleichschaltung einleitete, trat von Pechmann unter Protest von seinen kirchlichen Ehrenämtern zurück, versuchte aber in den folgenden Jahren immer wieder vergeblich, die bayerische Kirchenleitung zu Protesten gegen die Judenverfolgung zu bewegen.
Wie der Boykott-Tag legitimiert wurde
Das auflagenstarke Evangelische Gemeindeblatt für München, ein Vorläufer des Sonntagsblatts, legitimierte dagegen den Boykott-Tag mit der »Greuelpropaganda« der Juden und Kommunisten gegen Deutschland im Ausland und lobte die gute, straffe Durchführung in München tatsächlich war in München schon am 9. März 1933 der jüdische Rechtsanwalt Michael Siegel von der SA durch die Straßen getrieben und misshandelt worden, weil er es gewagt hatte, sich über antisemitische Ausschreitungen zu beschweren. Das Blatt forderte seine Leserinnen und Leser sogar dazu auf, in ihrer Privatkorrespondenz ihre ausländischen Bekannten darüber »aufzuklären«, dass Judenpogrome in Deutschland nicht erfolgt seien.
Zu Hermann Umfrid und zur Reaktion der Kirchen auf die Judenverfolgung insgesamt: Röhm, Eberhard/Thierfelder, Jörg: Juden, Christen, Deutsche. 1933-1945. Bd.1; 2/I; 2/II; 3/I; 3/II. Stuttgart 1990-1995.
Zur Reaktion der bayerischen Landeskirche auf die »Machtergreifung« und den Nationalsozialismus insgesamt: Björn Mensing: Pfarrer und Nationalsozialismus. Geschichte einer Verstrickung am Beispiel der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Göttingen 1998 (3. Auflage Bayreuth 2001)
Das Lebensbild von Hermann Umfrid ist ein leicht modifizierter Vorabdruck aus: Björn Mensing/Heinrich Rathke: Mitmenschlichkeit, Zivilcourage, Gottvertrauen. Evangelische Opfer von Nationalsozialismus und Stalinismus. Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, erscheint April 2003
Eine öffentliche Vorstellung dieses Taschenbuches findet am Todestag von Georg Elser, Dietrich Bonhoeffer und anderen NS-Opfern am 9. April 2003 um 19.30 Uhr in der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau statt.
Unser Autor, Dr. Björn Mensing, ist Pfarrer für Erwachsenenbildung und Öffentlichkeitsarbeit im Dekanat Bayreuth sowie Lehrbeauftragter für Kirchengeschichte an der Universität Bayreuth.
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