Sagen Sie mal, Herr Jesaja...
...weshalb sind Sie eigentlich so vehement gegen das Fasten Sturm gelaufen?
Jesaja (verwundert): Da haben Sie mich aber gründlich missverstanden.
Ich denke nicht. Ich zitiere aus Ihrem Buch: »Ihr sollt nicht fasten«.
Jesaja: Dass selbst Sonntagsblatt-Reporter so ungenau recherchieren, stimmt mich nachdenklich. Lesen Sie doch bitte genau: »Ihr sollt nicht fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll«, steht da. Das ist ein großer Unterschied.
Verstehe. Ihnen ging es also nicht ums Fasten an sich.
Jesaja: Keineswegs. Mich hat nur total genervt, wie die Israeliten damals gefastet haben. Voller Eitelkeit haben sie sich die feistesten Speisen verkniffen und waren mächtig stolz auf sich selbst. Aber in allen anderen Lebensbereichen war ihnen der Wille Gottes ziemlich egal. Sie haben sich weiter mit ihren Nachbarn gestritten, die Reichen haben weiter ihre Arbeiter geschunden, und die Armen standen weiter mittellos auf der Straße. Und dann haben sich diese Faster vor dem Herrn noch beschwert, dass Gott sich ihnen nicht besonders gewidmet hat.
Sie regen sich ja immer noch auf, Herr Jesaja.
Jesaja: Das haben Propheten so an sich. Jeremia, Amos, Hesekiel, ich und all die anderen - wir empfinden halt ähnlich wie Gott. Und der war, wie ich aus erster Hand erfahren konnte, auch außer sich über diese egoistischen Möchtegern-Asketen.
In unseren Tagen gibt es in der evangelischen Kirche eine neue Fas-tenbewegung. Hunderttausende Menschen verzichten sieben Wochen lang bewusst auf das, wovon sie gerne loskommen würden. Das können Zigaretten, Alkohol oder Süßigkeiten sein. Aber auch Arbeitswut, Egoismus oder Neiderei.
Jesaja: Müssen die das tun oder schreiben ihre religiösen Führer es ihnen vor?
Die Aktion ist völlig freiwillig. Und niemand verheißt ihnen, dass sie ins Himmelreich kommen danach.
Jesaja: Das klingt hoffnungsvoll. Eine gute Vorbedingung für echtes Fasten. Aber eine zweite fehlt.
Nämlich?
Jesaja: Auch Ihr Sieben-Wochen-Fasten birgt den Keim in sich, nur an sich selbst zu denken. Gott möchte aber, dass das Fasten den Blick auf die Mitmenschen schärft. »Brich mit den Hungrigen dein Brot«, sollte ich damals dem Volk Israel predigen, »das ist das Fasten, an dem ich Gefallen habe.«
Sie werden's kaum glauben: Aus dieser Zeile haben wir Evangelischen sogar ein Kirchenlied gemacht.
Jesaja: Freut mich sehr. Wirklich. Also meinen Sie, dieser Gedanke ist in Ihren zeitgenössischen Fastenbrüdern und -schwestern durchaus präsent?
Ich glaube schon. Worauf werden Sie denn in der diesjährigen Fastenzeit verzichten?
Jesaja: Ich hab mir vorgenommen, weniger zu schimpfen. Mein ursprünglicher Auftrag war, die Menschen zu trösten. Aber manchmal ist der Groll auf die scheinheiligen Frommen mit mir durchgegangen. Und Sie, wie fasten Sie?
Wir werden künftig besser recherchieren, bevor wir so gewichtige Menschen wie Sie interviewen.
Interview: Juliane Werding & Uwe Birnstein
ZUR PERSON
JESAJA (Prophet) wirkte von 736 bis etwa 700 v. Chr. im Königreich Juda. Er verkündete dem in vielen Lebensbereichen gottlosen Volk Israel den Untergang; ein Messias werde kommen und für die gottgetreuen Juden ein königliches Reich des Friedens schaffen. Der Abschnitt über das Fasten stammt von einem namentlich nicht bekannten Propheten, der in der Bibelwissenschaft »Deuterojesaja« genannt wird und der während des Exils Israels in Babylonien wirkte (um 550 v. Chr.).
Quelle: Jesaja 58
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