Sagen Sie mal, Herr Hiob,...
...wie ist das mit Ihren guten Vorsätzen?
Hiob: Oh, wie jedes Jahr: Schon nach zehn Tagen habe ich sie verdrängt. So gut, dass ich noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen habe.
Dürfen unsere Leserinnen und Leser wissen, welche es waren?
Hiob: Nun, nicht so viel zu trinken, nicht so viel zu reden, das Übliche eben. Aber auch ein Vorsatz, der etwas tiefer reicht, den ich aber von Jahr zu Jahr vor mir her- schiebe.
Nämlich?
Hiob: Nicht an der Allmacht Gottes zu zweifeln. nIch dachte, diese Lektion hätten Sie gelernt?
Hiob: Das dachte ich auch. Aber als nach den Geschehnissen wieder Ruhe in mein Leben eingekehrt war, kam ich ins Grübeln.
Das Letzte, was ich von Ihnen gelesen habe, war so dem Sinn nach: 'Du bist so groß und hast so viel erschaffen. Was maße ich kleiner Wurm mir an, von Dir Antworten zu erbitten!'
Hiob: Stimmt. Inzwischen denke ich aber anders. Was hat Gott sich angemaßt, mit mir herum zu experimentieren? Unterm Strich bleibt der fade Nachgeschmack: Ich war nur ein Spielball. Gott wollte dem Teufel etwas beweisen. Und das hat er auf meinem Rücken getan.
Immerhin hat ja Gott gewonnen. Vom Glauben abgefallen, wie der Teufel vermutet hatte, sind Sie nicht.ä
Hiob: Nein, aber ich steh manchmal immer noch kurz davor. Meine Frau ist tot, meine Kinder. Und Geld hab ich auch keins mehr. Alles nur, weil Gott sich selbst beweisen wollte. Er hatte sich nicht im Griff. Hätte er Macht über seine Gefühle gehabt, hätte er sich nicht auf dieses kindische Spiel eingelassen, sondern den Teufel in die Wüste geschickt. Und da soll ich nicht an seiner Allmacht zweifeln? Ich bitte Sie.
Eigentlich möchten wir unseren Lesern nicht das Bild des glaubensstarken Hiob zerstören.
Hiob: Das ist natürlich Ihre Grundsatzentscheidung: Will das Sonntagsblatt schönreden - oder uns biblische Personen wirklich zu Wort kommen lassen? Aber vielleicht gibt es ja auch einen Kompromiss.
Und der wäre?
Hiob: Sie schreiben: 'Hiob könnte uns zum Vorbild werden. Nicht, weil er Gott fraglos in den Himmel lobt, sondern weil sein Glaube durch das große Leid gestärkt wurde.' Dann hätten Sie gleich eine seelsorgerliche Komponente in Ihrer Zeitung.
Aber wenn die Leute lesen, Sie zweifeln hin und wieder an der Allmacht Gottes?
Hiob: .... dann werden sie auch das gut nachvollziehen können. Aber eins sollen sie nie: Leid einfach nur hinnehmen und Gott in Schutz nehmen. Man darf auch mal mit ihm streiten. Er muss herausgefordert werden.
Vielen Dank für das Gespräch
Interview: Juliane Werding & Uwe Birnstein.
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