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Evangelische Wochenzeitung für Bayern

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Ausgabe - vom (Datum): 25-23.06.2002


Dunkle Kapitel der Bibel - Schwierige Stellen in neuem Licht (22)

Was schrieb Jesus in den Sand?

In der Geschichte über die Ehebrecherin in Johannes 8,6 wird berichtet, »Jesus schrieb in den Sand«. Was schrieb Jesus eigentlich in den Sand?«

Helga R., Augsburg

Jesus hat nichts Schriftliches hinterlassen. In der ganzen Bibel wird nur ein einziges Mal erwähnt, dass er geschrieben hat - und zwar auf die Erde oder in den Sand! Den Inhalt erfahren wir nicht. Man müsste Hellseher sein oder spekulieren, um die Frage beantworten zu können. Trotzdem bleibt die Neugierde, was er geschrieben haben mag - und warum ausgerechnet auf die Erde.

Die Evangelien berichten nicht nur, was Jesus gesagt oder getan hat. Sie geben uns häufig Einblick in seine »Körpersprache«. An vielen Stellen beispielsweise betonen sie bei der Begegnung zwischen Jesus und einem anderen Menschen, dass Jesus diese Person »angesehen« hat. Jesus spricht nicht nur, sondern engagiert sich mit Leib und Seele und allen Sinnen. Deswegen ist es sinnvoll, die Hinweise auf die Gesten Jesu genauer anzusehen.

Besonders eindrücklich begegnet uns die Körpersprache Jesu in der Geschichte von der Ehebrecherin (Johannes 8, 2-11). Schriftgelehrte und Pharisäer bringen eine Frau zu Jesus, die auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt wurde, und stellen sie in die Mitte. Sie berufen sich auf die Tora, das Gesetz des Mose, wo - wie die Ankläger sagen - geschrieben (!) stehe, man müsse solche Frauen steinigen. In Wirklichkeit ist ihr Vorgehen eine Falle: Jesus soll Stellung nehmen, damit er durch seine Antwort zu Fall gebracht werden kann.
Interessant ist auch, dass sie die Schriftstelle, auf die sie sich berufen, falsch zitieren. Nach 3. Mose 20,10 müssen der Mann und die Frau, die beim Ehebruch ertappt werden, sterben. Die Gesetzeslehrer aber schleppen nur die Frau an. Kann das damit zusammen hängen, dass sie selber Männer sind? Das ist wohl ein Indiz dafür, dass Menschen, die auf den Wortlaut des Gesetzes pochen, oft gar nicht merken, dass sie selbst das Geschriebene im Sinne der eigenen Interessen hinbiegen und anderes übersehen.

Jedenfalls haben wir in dieser Geschichte eine hoch explosive Situation vor uns, die tödlich enden kann - für die Frau und letztlich auch für Jesus! Da tut Jesus etwas völlig Unerwartetes: Er bückt sich und schreibt mit dem Finger wie beiläufig auf die Erde. Als seine Gegner dennoch weiterfragen, richtet sich Jesus nur kurz auf, sagt seinen berühmten Satz »Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!« und bückt sich abermals, um auf die Erde zu schreiben.

Ich habe mit Freunden versucht, diese Szene nachzuspielen, um zu sehen, wie sich die Geste Jesu auf die Dynamik des Geschehens auswirkt. Uns wurde klar: Hätte Jesus die Gesetzeslehrer direkt konfrontiert, wären die Emotionen weiter hochgekocht. So aber lässt er ihnen Zeit zum Nachdenken. Und er erlaubt ihnen den Rückzug ohne Gesichtsverlust. Die Ältesten gehen zuerst, heißt es. Nach dem jüdischen Gesetz muss im Falle eines Todesurteils der Älteste der Anwesenden den Urteilsspruch aussprechen: »Ich verdamme dich!«. Wenn die Ältesten gehen, ist der Prozess vorbei. Als alle weg sind, richtet sich Jesus auf und begegnet der Frau als Partner und Gegenüber - weder von oben herab noch unterwürfig. Auch er verdammt sie nicht (obwohl er ja nach christlich dogmatischer Auffassung sündlos ist und insofern das Recht gehabt hätte, den ersten Stein zu werfen!): »Geh hin und sündige in Zukunft nicht mehr!«.

Letzte Frage: Warum hat Jesus keine Aufzeichnungen hinterlassen? Auch hier kann man nur Vermutungen anstellen. Heilige Schriften, so inspiriert und wertvoll sie auch sein mögen, bergen immer die Gefahr, dass sie zum ehernen Gesetz erstarren, so dass der Mensch aus dem Blick gerät und das Geschriebene (»Es steht geschrieben!« sagen die Gesetzeslehrer in unserer Geschichte) wichtiger wird als der Mensch oder dass der lebendige Dialog mit Gott abbricht. Was Jesus über den Sabbat gesagt hat (»Der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat«), das gilt für das gesamte heilige Gesetz und auch für alle heiligen Schriften: Sie sind nicht Selbstzweck, sondern sollen dem Menschen dienen. Paulus sagt später: »Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig!«. Jesus schreibt in den Sand, den bald der Wind verwehen wird: Das weist darauf hin, dass alles Geschriebene immer auch zeitbedingt, deutbar und revisionsfähig ist. Der Geist Gottes manifestiert sich im Hier und Jetzt, in der Gegenwart - und zwar nicht in Todesurteilen, die dem Buchstaben des Gesetzes genügen, sondern er schreibt in lebendige Herzen das Wort von der Versöhnung: »Dir sind deine Sünden vergeben!« Vielleicht war genau dies der Satz, den Jesus in den Sand geschrieben hat: »Ich verdamme dich nicht!« Aber das bleibt Spekulation.

Andreas Ebert

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