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Dekanatsbezirk Kempten Standort der am höchsten gelegenen Kirche Deutschlands

Reichsstädte, Skilifte und Almwiesen

Von Jutta Olschewski

Allgäu - da fallen den meisten Menschen Käse, Berge und Ferien ein. Deutsche, Amerikaner, Italiener und andere Nationen schätzen das Höhenklima, die Wandermöglichkeiten und kulturellen Juwele. Der Versuch, alle Höhepunkte des Gebiets des Dekanats Kempten zu beschreiben, bliebe immer unvollständig.

Die Hochglanzprospekte der örtlichen Tourismusbüros zeigen grüne Wiesen, auf denen braune Kühe grasen, im Hintergrund schmucke, oft barocke Kirchen und Kapellen. Aber nur die wenigsten dieser Dorfkirchen sind evangelisch.

Die Anfänge der evangelischen Gemeinden im Bergland liegen erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als Bayern Königreich wurde und sich auch Nichtkatholiken in den früher fürststiftlichen Gebieten niederlassen konnten. Lange Zeit sind die Protestanten in den Gebieten des heutigen Dekanats Kempten ein armseliges Häufchen. So zählt die Obergünzburger Chronik 1848 neben zwei Gendarmen und einer Gerichtsdienersgattin und deren Schwester nur noch sechs weitere Evangelische. Auf 14 Protestanten in Sonthofen kommt die Volkszählung 1852.

Der Bau der Eisenbahn bringt fränkische und württembergische "Gastarbeiter" ins Allgäu. An den Bau von Kirchen denken die Protestanten in Immenstadt daher bereits 1862, erst 1937 weihen die Obergünzburger ihr Gotteshaus ein. Die Industrie bringt weitere Evangelische beispielsweise nach Marktoberdorf. Flüchtlinge lassen nach dem Krieg viele evangelische Gemeinden anwachsen.

Dagegen schmücken sich die ehemals freien Reichsstädte Kaufbeuren, Kempten und Lindau im Dekanat mit einer langen protestantischen Tradition seit dem 16. Jahrhundert. "Dort sind die Menschen sehr bewusst evangelisch gewesen und haben ihren Glauben teilweise aggressiv verteidigt", sagt Dekan Hans Gerhard Maser. "Es war die Konkurrenz verschiedener Welten, hat Claus Grimm, Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte, den Konflikt einmal beschrieben."

Zeugin der Reformation ist unter anderem die Kirche St. Stephan am Bodensee in der Inselstadt Lindau, wo auch eine der schönsten Orgeln der Region zu finden ist, vom Orgelbauer Stein 1783 geschaffen. Über die Bundesländer- und Staatsgrenzen hinweg feiern übrigens alle zwei Jahre die Seeanrainer den "Internationalen Bodensee-Kirchentag".

Die Spuren der früher äußerst strengen konfessionellen Trennung Kemptens in die Bürgerstadt und die Stiftsstadt sind heute beseitigt. Die Stadtmauer, eine konfessionelle Grenze, ist verschwunden. Doch bis vor wenigen Jahrzehnten fand sie sich noch in den Köpfen der Menschen wieder. Und aktuell kämpfen in Leserbriefen versprengte katholische Grüppchen gegen eine allzu tatkräftig Ökumene.

Davon lassen sich die Organisatoren eines groß angelegten Ökumenischen Jahres im Allgäu nicht beirren. Seit September des vergangenen Jahres feiern Evangelische und Katholische gemeinsam in über hundert Veranstaltungen die Christianisierung des Allgäus vor 1250 Jahren durch den heiligen Magnus.

Ein wichtiges Standbein der Kirche im Allgäu ist heute die Touristen- und Kurseelsorge. Sechs Millionen Übernachtungen von Skifahrenden, wandernden und kurenden Deutschen und Ausländern jährlich zählt Oberstdorf. 1,7 Millionen Urlauber beherbergen die Kleinwalsertaler jährlich in ihren Gästebetten. (Das Gebiet mit seinen saftig grünen Bergwiesen ist bereits österreichisches Gebiet. Dennoch ist es Standort der höchsten Kirche Deutschlands. Denn die Kreuzkirche in Hirschegg ist ein Sprengel der Gemeinde Oberstdorf.)

Dekan Maser ist stolz auf die Arbeit der Touristenkirche. "Unsere Fackelwanderungen haben inzwischen die Touristenbüros übernommen, weil sie so gut ankommen". Bei vielen Bergmessen und "Gottesdiensten im Grünen" kommen Urlauber zum ersten Mal seit langem wieder mit dem Glauben in Kontakt. 25 bis 30 zusätzliche Pfarrer tun in der Hauptsaison in den Fremdenverkehrsorten Dienst, dazu kommen noch die Kantoren.

Nicht nur auf die Feriengäste müssen sich die Gemeinden im Dekanat Kempten einstellen. Neuerdings prägen vielerorts die Aussiedler die Gemeinden. In Kaufbeuren allein leben inzwischen über 3000 Russlanddeutsche, die meisten von ihnen protestantischen Glaubens. Manche Sonntagsgottesdienste im Dekanat Kempten prägen inzwischen die Kopftücher der älteren russlanddeutschen Frauen.

Die Gemeinden müssen sich darüber hinaus auch um die Integration der Jungen kümmern, die den Freunden in Russland nachtrauern und es in der neuen Umgebung in der Schule schwer haben. Ein Trost mag ihnen sein, dass das Dekanat Kempten den vielen "Zugezogenen" im Laufe der vergangenen 200 Jahren eine echte und auch die schönste Heimat geworden ist.

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Interview:
Dekan Hans Gerhard Maser

Adressen Touristeninformation





  Oberbayerisches Märchenschloss: Neuschwanstein bei Füssen.
(Foto: Archiv)


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