Jeder Autofahrer oder Trucker kennt den Namen aus den Verkehrsnachrichten: Seit dem Spätherbst 1989 verging kaum ein Tag, an dem nicht eine Stauwarnung »auf der A9 zwischen Münchberg-Süd und Münchberg-Nord« ausgegeben wurde. Die Autobahn, die sich hier zwischen Fichtelgebirge und Frankenwald nordwärts in Richtung Sachsen windet, hat das Land um die einstige Kreishauptstadt mindestens ebenso geprägt wie die vielen Fabrikanlagen. Der damalige Münchberger Dekan Heinrich Fechter beschrieb in seinem Vorwort für das »Kirchengemeindebuch« schon im Jahr 1953 diese Charakterzüge seines Dekanats mit treffenden Worten: »Rauchende Fabrikschlote sind nicht schön, aber sehr notwendig. Der Lärm des Verkehres ist nicht lieblich, aber unverkennbarer Zeuge einer tätigen Wirtschaft. So pulst hier das Leben in täglich spürbarer Weise.« Der karge Boden im buchstäblich »steinreichen« Münchberger Land zwang die Landwirte schon vor vielen Generationen zu dem, was heute »Nebenerwerb« heißt. In der Zeit zwischen Ernte und Aussaat wurde der Bauer zum Handweber: Schon im 16. Jahrhundert wird in Münchberger Chroniken die Baumwollverarbeitung nachgewiesen. Der häusliche Webstuhl gehörte sozusagen zum Bauernhof, bis die Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts neue Maßstäbe in der Textilherstellung setzte. Einer privaten Initiative verdankt es die Stadt Münchberg, dass der regionalen Handwebergeschichte - ergänzend zum oberfränkischen Textilmuseum in Helmbrechts - ein »Denkmal zum Anfassen« gesetzt wurde. Erwin Staedtler, ehemaliger Inhaber einer Weberei, hat ein historisches Haus mit zahlreichen originalen Webstühlen und weiterem typischen Inventar eingerichtet: »Wie einst die Handweber lebten und arbeiteten« (Kontakt: Telefon 09251/1322). 1854 wurde mit der Münchberger Webschule die erste bayerische Textilfachschule gegründet - heute sind dort eine Fachhochschule und ein Textil-Berufsbildungszentrum die zentralen Ausbildungsstätten im Freistaat. Als Standort von Maschinenspinnereien und mechanischen Webereien behielt das östliche Oberfranken bis heute eine Vorrangstellung in diesem Wirtschaftszweig, wenngleich die fortschreitende Globalisierung des Marktes auch hier nicht spurlos vorüberging. Auf die modernen Zeiten und die damit verbundenen sozialen Nöte vieler Familien reagierte die Kirche nicht nur mit der Gründung von »Evangelischen Arbeitervereinen« in Schwarzenbach/Saale, Helmbrechts und Münchberg. Noch vor der Wende zum 20. Jahrhundert öffneten ein evangelisches Waisenhaus und eine »Kleinkinderbewahranstalt«; aus dem 1853 gegründeten »Rettungshaus« der Stiftung Marienberg entwickelte sich eine der heute bedeutendsten diakonischen Einrichtungen Oberfrankens. Die tiefe Frömmigkeit, die nicht nur den Handwebern nachgesagt wurde, spiegelt sich vielfältig auch in den Kirchen: Sei es in Weißdorf, wo die Säulen ein fein gegliedertes Sterngewölbe an der Kirchendecke tragen, oder in Wüstenselbitz, wo sich die Evangelischen im Jahr 1901 nach Plänen der Obersten Königlichen Baubehörde in München ein »neuromanisches« Gotteshaus bauten. Zwar wird Tradition groß geschrieben in den Gemeinden, doch haben sich die Münchberger »in ziemlicher Offenheit dem Neuen zugewandt«, berichtet Dekanin Susanne Kasch, die vor zehn Jahren als erste Frau mit der Leitung eines bayerischen Dekanats beauftragt wurde. So wurde der erste Salbungsgottesdienst mit dem bekannten Theologen Walter J. Hollenweger beim Dekanatskirchentag zu einem Überraschungserfolg. Überraschendes verbirgt sich vielerorts in der Landschaft »mit dem etwas schwermütigen Haus ihrer Schönheit«, wie Dekan Fechter anno 1953 sinnierte. Münchberg ist Etappenstation zweier europäischer Fernwanderwege: E 3 (Atlantik-Ardennen-Böhmerwald) und E 6 (Ostsee-Wachau-Adria). Wer's kürzer mag, dem sei der nur anderthalb Kilometer lange »Planetenwanderweg« in Münchberg empfohlen - eine entfernungsgetreue Darstellung des Sonnensystems im Maßstab 1:4 Milliarden, das die Sonne und Planeten in Schaukästen präsentiert. Nicht nur für Spaziergänger und Angler, sondern auch für Windsurfer ein lohnendes Ziel ist die Förmitztalsperre mit einer Wasserfläche von 120 Hektar. Nicht versäumen sollte man schließlich den Besuch im oberfränkischen Bauernhofmuseum in Kleinlosnitz bei Zell: Der über 200 Jahre alte, original erhaltene Vierseithof ermöglicht einen Blick in die bäuerliche Vergangenheit - und eine zünftige Brotzeit in der Wirtsstube »Oberer Hof«. (Kontakt: Telefon 09251/3525.
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Interview: Dekanin Susanne Kasch
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