Wie könnte man ein Stadtporträt in einer evangelischen Zeitung besser beginnen als mit einem Zitat Martin Luthers: »Nürnberg leuchtet wahrlich in ganz Deutschland wie eine Sonne unter Mond und Sternen...« schrieb er 1530. Nürnberg, des Heiligen Römischen Reiches Schatzkästlein, Nürnberg, Handels- und Kunststadt von europäischem Rang, Nürnberg, Verwahrort der Reichsinsignien und Schauplatz ungezählter Reichstage, hatte sich fünf Jahre zuvor unter dem Eindruck der Predigten von Adreas Osiander als erste deutsche Großstadt der Reformation angeschlossen. Was der neuen Lehre Rückhalt und Schwung gab, bedeutete für die Stadt in politischer Sicht den Anfang eines langen Niederganges - der Spagat zwischen Treue zum katholischen Kaiser und lutherischem Bekenntnis war auf Dauer nicht zu bewältigen. 1649 war Nürnberg noch einmal Schauplatz großer europäischer Politik, als ein riesiges Friedensmahl der vormaligen Gegner dem Dreißigjährigen Krieg ein endgültiges Ende setzte, dann war es aus mit der einstigen Herrlichkeit. Nürnberg trat ins zweite Glied zurück und rückt heute nur noch ganz selten ins Zentrum des gesellschaftlichen Geschehens in Bayern und Deutschland - etwa bei der Amtseinführung des bayerischen Landesbischofs, die in Verbeugung vor der protestantischen Tradition der Stadt seit jeher in der Nürnberger Lorenzkirche passiert. Ein Versuch des 20. Jahrhunderts, die Stadt ihrem Los als Großstadt-Provinz zu entreißen, ist, Gott sei Dank, gescheitert. Zwölf Jahre, die gerne tausend gewesen wären, wollten an die große Tradition der Mittelalter-Metropole anknüpfen und machten Nürnberg zur »Stadt der Reichsparteitage«. Neben Impressionen biedermeierlicher Butzenscheiben-Romantik gehört seither das Bild von braunen Stiefelkolonnen, die im Stechschritt lange Reihen von Hakenkreuzfahnen passieren, untrennbar zur Geschichte der Stadt, die dafür bitter bezahlte. Die mittelalterliche Altstadt wurde im Bombenhagel der Allierten ein Raub der Flammen, der Name Nürnberg schien für alle Zeit diskreditiert. Bewusste Gegenakzente, die in jüngster Zeit gesetzt werden, weisen Wege aus dem braunen Schatten: Nürnberg verleiht seit 1995 den »Internationalen Menschenrechtspreis« und gestaltet aus den Überresten der NS-Bauten das millionenschwere »Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände«. Die soeben zu Ende gegangenen Feierlichkeiten zum 950. Stadtgeburtstag profilierten mit einigem Erfolg das (erwünschte) Bild einer toleranten, weltoffenen Stadt. Die Kirchen spielen dabei, den Unkenrufen von der postchristlichen Gesellschaft zum Trotz, bis heute eine große Rolle. 38 Prozent der Bevölkerung gehören der evangelisch-lutherischen Kirche an, das Dekanat umfasst rund 200 000 Menschen in 48 Gemeinden. Kirchliche Bauten bestimmen bis heute allerorten die Silhouette der Stadt. Die 54 evangelischen Kirchen Nürnbergs sind ein Spiegel der städtischen Entwicklung: die Bürgerdome der Innenstadt, St. Sebald und St. Lorenz, die zum Schönsten gehören, was die deutsche Gotik hervorbrachte; die neogotische Architektur der Industriealisierung wie in Gostenhof und St. Peter, dann die Backstein- und Ziegelriesen des frühen 20. Jahrhunderts, die besonders an das protestantische Bewusstsein der Stadt appellieren: Gustav-Adolf-Kirche, Reformations-Gedächtniskirche. In den Außenbezirken schließlich das Beton-Zeitalter der Nachkriegszeit wie in Langwasser oder Schoppershof, wo sich um die Ecke schon wieder die schmucken gotischen Dorfkirchen befinden, die heute innerhalb des Bannkreises der Stadt liegen. Die Wehrkirche von Kraftshof oder die »Markgrafenkirche« von Kornburg sind hierfür prominente Beispiele. Tages- oder Urlaubsgäste können neben all diesen Zeugnissen sakraler Kunst aus einem Fundus kultureller Attraktionen schöpfen, die aufzuzählen eine eigene Fortsetzungsreihe nötig machen würde. Das Germanische Nationalmuseum gilt als bedeutendste Institution mittelalterlicher Kunst in Deutschland; das DB Museum (früher Verkehrsmuseum), Neues Museum, Spielzeugmuseum oder das Fembo-Haus mit Multimedia-Präsentationen zur Stadtgeschichte sind allemal einen Besuch wert. Die meisten Gäste kommen freilich in der Adventszeit, wenn auf dem Hauptmarkt der weltberühmte Christkindlesmarkt eröffnet wird. Erstmals erwähnt ist er in der Stadtgeschichte 1697 als »Kindleinsmarkt« und gilt damit als älteste Einrichtung dieser Art auf der Welt. Auch die Idee vom »Kindleinsbescheren« hatten sich die Nürnberger bei Martin Luther abgeschaut.
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Interview: Dekan Bammessel
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