Die Schlossstraße, ehemals eine Römerstraße, führt mitten durch das Städtchen Oettingen im Ries und erzählt ein Stück Geschichte: auf der einen Seite besteht die Häuserfront aus Fachwerkhäusern, die Ostseite zieren barocke Fassaden. Dahinter residierten einst die Protestanten, auf der Fachwerkseite die Katholiken, nicht umgekehrt, wie viele beim ersten Anblick denken.
Ein friedliches Nebeneinander der Konfessionen war in Oettingen, am nördlichen Rand des Metereoritenkraters Ries gelegen, "institutionalisiert", wie es die Leiterin des Heimatmuseums, Petra Ostenrieder, nennt. Die Oettinger Bevölkerung musste sich arrangieren, nachdem sich die beiden fürstlichen Linien Oettingen-Wallerstein und Oettingen-Oettingen für verschiedene Glaubensrichtungen entschieden. Man handelte gemäß dem Sprichwort "Blas nicht, was dich nicht brennt, so bleibst du froh bis an dein End". Das 5000 Einwohner zählende Oettingen nennt sich eine "romantische" Stadt, vielleicht weil man mit einem "Nachtwächter" einen Spaziergang durch seine denkmalgeschützten Gassen unternehmen kann, oder weil es etwas verschlafen ist. Romantisch ist aber auch das Renaissance-Schloss. Im Sommer finden hier Konzerte mit renommierten auch internationalen Künstlern und Orchestern statt. In dem Schloss hat auch eine Zweigstelle des Münchner Völkerkunde-Museums ihren Sitz. Ab März ist dort eine Ausstellung über Indonesien zu sehen. Der Oettingen-Besucher sollte auf jeden Fall einen Blick in die evangelische St.-Jakobskirche werfen und sich den außergewöhnlichen Taufstein ansehen. Das Taufbecken, eine Muschel, trägt Adam auf seinen Schultern. Im Wasser des Jordans kniet Jesus, hinter ihm Johannes, der Täufer. Ein Beispiel für das "evangelische Barock", das die Kirche prägt. Oettingen ist Sitz eines der kleinsten Dekanate der bayerischen Landeskirche. Auf 149 Quadratkilometern leben etwa 6500 Evangelische in 13 Kirchengemeinden, von denen jede ihren eigenen Posaunenchor hat. Außer dem Zuzug einiger Aussiedler hat sich in den vergangenen Jahren wenig in den Gemeinden verändert. Dass in diesem Gebiet die Kirchen-Welt noch in Ordnung ist, stellen die Pfarrer auch fest, wenn sie ihre Gabenkassen leeren. Mit einem Pro-Kopf-Spenden-Aufkommen von knapp 80 Mark lagen die Rieser auf der "Hitliste" immer wieder auf Spitzenplätzen unter den bayerischen Dekanaten. So kann in Oettingen in diesem Jahr das Gemeindehaus modernisiert und umgebaut werden. Eine neue moderne Sozialstation mit Kurzzeitpflegeplätzen baut die Diakonie an. Nicht nur Geld, auch die eigene Arbeitskraft setzen die Dorfbewohner für ihre Kirche ein. Vor zwei Jahren erfüllte sich die Gemeinde Munningen ihren Traum vom Kirchturm mit eigener Hände Arbeit. Auf nicht wenige kunsthistorische "Highlights" trifft der Ausflügler in der Gegend. Ein markantes Bauwerk überragt das kleine Dorf Auhausen an der Wörnitz. Die Abteikirche mit ihren beiden trutzigen Türmen aus dem 13. Jahrhundert ist im Bauernkrieg stark zerstört worden. Doch sie ist noch heute sehenswert ihrer romanischen und gotischen Architektur wegen. Ein wertvolles romanisches Reliquiar ist dort zu sehen und der 1513 von Hans Schäufelin geschaffene Hochaltar. Die Reste des geschnitzten Chorgestühls lassen die reiche Ornamentik der früheren Benediktiner-Klosterkirche erahnen. Die einzige Simultankirche Bayerns, genutzt von Katholiken und Evangelischen, steht in Ehingen am Ries. Von ihrem Kirchgarten aus schweift der Blick weit über den Kessel des Meteoritenkraters. Kein Industrieschornstein ist zu sehen, nur die kleinen versprengten Dörfer und Mühlen und dazwischen die verschiedenfarbigen Teppiche der Felder. Die Flurbereinigungswege ziehen ihre Bahnen und laden zu Radtouren ein. Mit dem Fahrrad könnte man sich nach Steinhart mit seiner Turmhügelburg aufmachen. Auf dem Rückweg nach Oettingen geht es durch den Steinharter Forst, in dem die Eichen der Kirchengemeinde Lehmingen stehen. Im nächsten Ort, Hainsfahrt, erstrahlt seit 1996 die Synagoge wieder im alten Glanz und zeugt von der einst größten jüdischen Gemeinde im Ries. Im Zwergen-Dekanat Oettingen lohnt auch ein mehrtägiger Aufenthalt. Das Verkehrsamt bietet Wander-, Radl- oder Angelwochen an. Man könnte auch zur Zeit der Jakober-Kirchweih Ende Juli oder zum Historischen Markt Anfang Juni anreisen. Dabei lässt sich die Gegend dann auch kulinarisch kennenlernen. In den Gaststuben treffen sich nämlich schwäbische und fränkische Küche - Bratwurst und Maultasche.
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Interview: Dekan Günter Reichel
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