Auf dem Boden wollte es den Ruheständler nicht halten. 25 Jahre lang hatte Johann Münch über den Dächern Bayreuths ein wachsames Auge auf »die Aufsicht auf die Feuersicherheit der Stadt und des Stadtbezirks, auf den Stundenschlag und Stundenruf bei Tag und Nacht«, wie es die alte Dienstordnung forderte. Und obwohl er am 12. Dezember 1932 in Pension geschickt wurde, stieg er auch später noch immer wieder die Stufen hinauf zu seiner Stube im Nordturm der evangelischen Stadtkirche - erst mit »Meister Münchs« Tod im März 1934 war die fünfhundertjährige Tradition der Bayreuther Türmer endgültig vorbei.
Zwar hat Martin Luther persönlich nie den Weg durch die Stadttore gefunden; als Sitz einer markgräflichen Residenz wurde Bayreuth bereits in der Frühzeit der Reformation evangelisch-lutherisch geprägt. »Protestantisch« gilt hier seitdem als eine Art Markenzeichen, weit über die ursprüngliche konfessionelle Bedeutung hinaus. »Protestantisch« - das sind für Kunsthistoriker die sandsteinernen Fassaden der Stadthäuser, Schlösser und Kirchen, für Geschichtsschreiber die preußisch-bürokratische Verwaltung, für Heimatkundler die fränkisch-bedächtige Lebensart der Bürger.
Ähnlich, wenngleich mit anderen Akzenten, sieht es auch Dekan Hans Peetz, der selbst in Bayreuth seine Jugend verbrachte und seit September 1999 an der Spitze des 51-köpfigen evangelischen Pfarrkapitels steht. Nach acht Jahren als Referent im Münchner Landeskirchenamt ist ihm bei seiner Rückkehr wieder aufgefallen, »wie sehr Kirche in der Gesellschaft präsent und verwurzelt ist«. Was für die Universitätsstadt gilt, hat erst recht seine Bedeutung für die umliegenden Landgemeinden. Kommunalpolitiker und Abgeordnete gehören dort zu den regelmäßigen Kirchgängern, und der Gottesdienst gehört fast selbstverständlich zu einer größeren Vereinsfeier. Noch ein kurzer Blick in die Statistik: Rund 2600 der knapp 68.800 Evangelischen im Dekanatsbezirk sind regelmäßige ehrenamtliche Mitarbeitende in ihrer Kirche.
Im Schatten der wuchtigen Zwillingstürme der Stadtkirche wurde sogar bayerische Kirchengeschichte geschrieben. So galt Bayreuth beispielsweise bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts neben Ansbach als »Heimat« der Landessynode. Hans Meiser wurde hier im Mai 1933 von einer außerordentlichen Synode zu Bayerns erstem evangelischen Landesbischof gewählt, hier feierte die lutherische Kirche Papua-Neuguineas 1986 ihr hundertjähriges Missionsjubiläum. Als Sitz des Regionalbischofs für den Kirchenkreis Bayreuth, eines Predigerseminars und der Fachakademie (ab Herbst: Hochschule) für evangelische Kirchenmusik sowie zahlreicher weiterer Arbeitszentralen hat die Stadt auch überregionale Bedeutung für die Landeskirche.
Wer nach Bayreuth kommt, sieht sich von Kultur geradezu umzingelt. Nicht nur über 20 Museen verschiedenster Art - von den Freimaurern über Urweltgeschichte bis zur modernen Kunst - sind dafür ein Argument. Hinter oft strengen Fassaden verbirgt sich höfische Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts, die von der Bayreuther Markgräfin Wilhelmine, einer Schwester des Preußenkönigs Friedrich des Großen, maßgeblich gefördert wurde. Unangefochtenes Prunkstück: das 1748 fertiggestellte Opernhaus, das in Europa einzigartig ist. Im Park der Eremitage wirkte Wilhelmine (»sie hätte auf eine Weltbühne gehört«, so der Schriftsteller Wolfgang Koeppen) sogar als Pionierin der Landschaftsgärtnerei. Ein Museum der Gartenkunst, das erste in Deutschland, öffnete im Sommer 2000 im Eckersdorfer Schloss Fantaisie eröffnet, nur wenige Kilometer westlich von Bayreuth.
Eine Landpartie auf den gut ausgebauten Rad- und Wanderwegen lohnt immer: zu einer der schmucken Dorf- und Wehrkirchen, zu einem der beiden Thermalbäder in Obernsees oder in Aichig, zum Golfplatz auf den Rodersberg oder einfach zu einem der urigen Dorfwirtshäuser, wo noch oft selbst gebrautes Bier ausgeschenkt wird - die schönsten Touren dazu hat der Verein »Fränkische Bierstraße« in Broschüren zusammengestellt. Im Jean-Paul-Jahr (der Todestag des Dichters jährte sich im Jahr 2000 zum 250. Mal) gab es in und um Bayreuth zudem viele Gelegenheiten, auf den Spuren des einst meist gelesenen deutschen Schriftstellers zu wandeln.
Und natürlich weiß Bayreuth, dass es seinen Ruf als »Weltstadt auf Zeit« vor allem einem Mann zu verdanken hat - Richard Wagner, der hier sein Theater baute, und dessen Gesamtkunstwerk sogar politische Erschütterungen auslöste. Aber das ist ein Thema für sich.
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Interview: Dekan Hans Peetz Adressen Touristeninformation
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