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Dekanat Bad Berneck Mit Goethe und Humboldt auf Zeitreise durch Natur und Kunstgeschichte

Kirchlicher Mikrokosmos im Fichtelgebirge

Von Wolfgang Lammel

Das Wort "Tourismus" stand noch in keiner Enzyklopädie, als das oberfränkische Fichtelgebirge schon eine der beliebtesten Urlaubsregionen in Deutschland war. Bereits die beiden Studenten Heinrich Wackenroder und Ludwig Tieck hielten ihre Impressionen über die wild-romantische Landschaft um Bad Berneck in ihrer berühmt gewordenen Beschreibung der Pfingstreise von 1793 fest; die literarische Tour gilt heute als Vorbild der bürgerlichen Bildungsreise, aus der sich später der moderne Fremdenverkehr entwickelte.

Obwohl Bad Berneck mit seinen knapp 16.000 Evangelischen in neun Kirchengemeinden zu den kleinsten Dekanaten Bayerns zählt, das in den siebziger Jahren sogar von der Auflösung bedroht war, vereint es auf 148 Quadratkilometern ein "Spiegelbild der Landeskirche" im Kleinformat. So formuliert es Manfred Berthold, der seit 1989 die Geschicke in diesem kirchlichen Mikrokosmos als Dekan mit bestimmt.

Gerade einmal ein paar Autominuten liegen zwischen traditionsreichen Dörfern, deren landwirtschaftschaftliche Tradition langsam verloren geht, und kleinstädtischen Industriestandorten, die von den Problemen der wirtschaftlichen Globalisierung nicht verschont bleiben. Und in Streitau beispielsweise, das vor Jahren in die benachbarte Stadt Gefrees eingemeindet wurde, ist der evangelische Pfarrer quasi die "letzte Bastion": Schule, Postamt und andere öffentliche Stellen verschwanden dort schon vor Jahren.

In und um Bad Berneck zeigt Kirche, die evangelische zumal, nicht nur Flagge - sie ist überall aktiver, machmal sogar prägender Teil des Gemeindelebens. So wuchsen die Behindertenheime in Himmelkron in ihrer über hundertjährigen Geschichte zur größten Einrichtung dieser Art in Oberfranken; mit diesen Häusern und Werkstätten gehört die Diakonie Neuendettelsau zu den größten Arbeitgebern in der Region. Und gegen alle öffentliche und private Konkurrenz hat sich die Jacob-Ellrod-Realschule in Gefrees seit 1967 erfolgreich behauptet: Bayerns einzige evangelische Ganztagsrealschule erfreut sich eines "sehr guten Zulaufs", wie Dekan Berthold gern bestätigt.

Es überrascht also nicht, dass neben alten, meist verfallenen Burganlagen der frühen Herrschergeschlechter die evangelischen Sakralbauten zu den bedeutendsten Kunstschätzen im Dekanat gehören. Von der mittelalterlichen Burgkapelle in Stein - nach gründlicher Restaurierung eine beliebte Stätte für Trauungen und Taufen - über Gotteshäuser im charakteristischen Bayreuther Markgrafenstil bis zu neugotischen Bauten können sich Besucher auf eine Zeitreise durch die Baukunst begeben.

In der reizvollen Natur, den waldigen Höhen und tiefen Tälern, begegnen die Nachfolger der "Sommerfrischler" buchstäblich auf Schritt und Tritt auch Berühmtheiten wie Johann Wolfgang von Goethe, der hier wanderte und forschte, dem Universalgelehrten Alexander von Humboldt, der in Goldkronach einige Jahre als Oberbergmeister arbeitete (ihm ist heute auch ein eigener Wanderweg gewidmet), nicht zuletzt dem fränkischen Dichter Jean Paul, dessen Todestag sich im Herbst 2000 zum 175. Mal jährt.

Ein besonderes Schatzkästlein öffnet sich hinter den Mauern des ehemaligen Zisterzienserinnen-Klosters "corona coeli", dem der frühere Flecken Brezendorf seinen Namen Himmelkron verdankt: Der einzige erhaltene von ursprünglich vier Kreuzgängen wurde berühmt durch die Darstellungen zahlreicher musizierender Engel. Von der erst vor gut 18 Monaten eingeweihten katholischen Autobahnkirche St..Christophorus in Himmelkron gingen (zur freudigen Überraschung Manfred Bertholds) sogar deutliche volksmissionarische Impulse aus: Innerhalb des vergangenen Jahres fanden dort mehr als 8.000 Drucksachen vom evangelischen Schriftentisch eine Leserschaft.

Langjährige Tradition hat hier auch die Kurseelsorge: Während der Urlaubssaison wohnt und arbeitet ein Gastpfarrer, oft ein Ruheständler, in Bischofsgrün, eine "Kurorganistin" bereichert in Bad Berneck das kulturelle Leben. Die Rolle der Kirche als "Fremdenverkehrsfaktor" begann Manfred Berthold stärker zu vermarkten: Berneck, seit 1857 Kurort und wegen seiner Kneipp- und Molkekuren 1950 zum "Bad" erhoben, und die umliegenden Gemeinden, die im Sommer vor allem Ziele von Wanderern sind, bekamen 1989 ihren ersten eigenen Prospekt "Kirche am Wanderweg" mit Ausflugstipps und Terminhinweisen für Gottesdienste im Grünen - damals in Bayern ein Pilotprojekt und auf Anhieb ein großer Erfolg. Die zwölfte Auflage ist mittlerweile in Arbeit.

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Interview:
Dekan Manfred Berthold





  Kleinod hinter Klostermauern: der Kreuzgang im ehemaligen Zisterzienserinnen - Kloster Himmelkron. Die benachbarte Stiftskirche wird von der evangelischen Gemeinde genutzt und beherbergt ein Museum.
(Foto: Lammel)


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