Zahllose Nachtschwärmer saßen in den vergangenen Wochen nachts vor dem Fernseher und konnten sich nicht entschließen, ins Bett zu gehen. Denn da legte eine Sarah Hughes eine Traumkür aufs Eis und Claudia Pechstein machte beim Eisschnelllauf Wunder wahr, die deutsche Skispringermannschaft holte das knappste Gold der Welt und wir bibberten mit und spürten den Druck, die Angst und die Enttäuschung der Verlierer. Und wir jubelten mit den Siegern.
Auch mit Kritik wurde nicht gespart: Von der mangelnden Distanz der Sportjournalisten des Fernsehens zu den Sportlern war zu lesen, von der Kommerzialisierung der Spiele, von der Korruption der Olympioniken durch Werbeverträge - und nicht zuletzt vom Doping, das am Ende die Spiele überschattete.
Die Olympischen Spiele spiegeln als mediales Ereignis unsere Gesellschaft wider - mit allen ihren Licht- und Schattenseiten. Vor allem in den vergangenen Jahren haben sich die olympischen Spiele auch als Forum für die erwiesen, die der Welt etwas über ihr Land mitteilen wollten: zum Beispiel der Architekt Isaak Menyoli aus Kamerun. Der Afrikaner startete aussichtslos und nutzte - als "Schwarzer im Schnee" - die 15 Minuten Ruhm und die Fernsehkameras, um auf die sich ausbreitende Aids-Seuche aufmerksam zu machen.
Zum ersten Mal nahm in diesem Jahr auch das Land Nepal mit dem Himalaja an Winterspielen teil. Jayaram Khada vertrat Nepal beim Langlauf und er wusste eine anrührende Geschichte zu erzählen. Sie begann mit dem englischen Millionär und Nepal-Touristen Richard Morley. Er erlitt vor Jahren bei einer Bergtour in 5000 Metern Höhe einen Lungenkollaps. Der einheimische Polizist Basu Khadka lief beinahe hundert Kilometer zum nächsten Telefon und konnte nach drei Tagen Hilfe holen.
Der Lebensretter Basu Khadka wollte nichts annehmen, als der reiche Mann aus Europa sich erkenntlich zeigen wollte. Er bat nur, Morley möge sich um seinen Sohn kümmern, falls ihm etwas geschehen sollte.
Nach vielen Jahren kam Morley, der inzwischen ins Computergeschäft eingestiegen und noch reicher geworden war, wieder nach Nepal und wollte seinen Lebensretter besuchen. Der war gestorben und sein Sohn war verschwunden. Nach aufreibender Suche fand Morley den kleinen Jungen als Kinderarbeiter in einem Steinbruch. Er adoptierte ihn und brachte ihm das Skifahren bei. Den Abfahrtslauf musste der Junge bald aufgeben, denn seine Knochen und Gelenke waren durch die Kinderarbeit schwer geschädigt. Ihm blieb aber der Langlauf. Und der Mann, dessen Heimat der Himalaja ist, wurde noch nicht einmal Letzter.
Es sind die Geschichten zu den Menschen, die da laufen und springen und tanzen und schießen, die Olympia trotz aller kommerzieller Auswüchse zu einem menschlichen Fest machen. Die anrührenden Geschichten und die alltäglichen Heldentaten, die für einen kleinen Moment öffentlich werden. Johanna Haberer
Johanna Haberer beobachtet in einer monatlichen Kolumne die Medienlandschaft. Die Autorin, vormalige Chefredakteurin des Sonntagsblattes, hat die Professur für Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät Erlangen inne.