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INTERVIEW

Politik ist ein düsterer Raum

Kirchen auf Kriegskurs

Der wohl bekannteste Theologe der Gegenwart, Eugen Drewermann, wirft den Kirchen mangelndes Rückgrat vor: Ohne große Vorbehalte unterstützten sie die gegenwärtige Weltpolitik der Gewalt und des Krieges. Doch die Bergpredigt mit ihrer Friedensbotschaft sei nicht allein für den Klosterkonvent geschrieben, sagte Drewermann im Gespräch mit dem Sonntagsblatt.

  Sie sind Psychologe und Theologe, beschäftigen sich aber neuerdings mit Politik. Warum?

Drewermann: Psychotherapie ist für mich nur eine konkretere Form der Seelsorge, um menschliches Verstehen zu ermöglichen. Ich bin sehr dankbar, wie wenig dazu gehört, einen Menschen aus seinen Vereisungen aufbrechen zu lassen: Man muss ihm einfach zuhören und Vertrauen geben. Man kann aber nicht ernsthaft Menschen in ihrer Person helfen wollen und akzeptieren, dass beispielsweise heute die Ausbildung zum Töten für jeden 18-Jährigen weltweit zum Standard gehört. Wir leben nicht in der Neuzeit; das tun wir nur technisch. Geistig sind wir immer noch tief verwurzelt in der Steinzeit.

  Der neue Drewermann: vom Psychologen zum Politiker?

Drewermann: Ich denke nicht politisch; würde ich das tun, müsste ich Erfolge strategisch kalkulieren und Programme entwerfen, die mindestens vier Jahre halten. Ich glaube, dass man Dinge, die man für richtig hält, einfach tun muss. Mit den wesentlich anderen existenziellen Formen des Glaubens und der Menschlichkeit möchte ich die Politik verändern. Politik ist oft nichts anderes als ein düsterer Raum ohne Fenster, in dem die Mächtigen die Realität definieren. In diesen Raum möchte ich die Sonne hineinlassen.

  In den "düsteren Raum" passt das Bild des amerikanischen Präsidenten von der "Achse des Bösen" in der Welt.

Drewermann: Ich bin über die Dynastie der Bushs seit vielen Jahren erschrocken. George W. Busch ist mir bereits höchst suspekt geworden in seiner Zeit als Gouverneur in Texas - durch die offensichtlich "Gott selige" und überaus selbstgewisse Hinrichtung von über 130 Menschen. Eine polare Aufteilung der Menschheit in gut und böse lässt jede psychologische Aufklärung vermissen. So undifferenziert darf man nicht denken. Oder aber: Man muss sich von Theologen die Dreinrede gefallen lassen, dass man nach apokalyptischen Maßstäben Geschichte mythologisiert und bis zum bitteren Ende inszeniert. In den 80er-Jahren hat man vergleichbare Redensarten aus dem Munde des damaligen Präsidenten Ronald Reagan nicht durchgehen lassen. Wenn er beispielsweise von dem "Reich des Bösen" oder der "Schlacht von Harmageddon" sprach, gab es sofort theologischen Widerstand.

  Den vermissen Sie heute?

Drewermann: Ja, das entsetzt mich am allermeisten. Sie können lesen, wo Sie wollen: Es gibt keinen thelogischen Widerstand. Nach dem 11. September wird gesagt: Wir sitzen in einem Boot, wir können nicht anders, wir müssen unbedingt an der Seite der Vereinigten Staaten stehen. Das sagen Vertreter der katholischen - aber auch der evangelischen Kirche gleichermaßen. Offensichtlich gilt die Bergpredigt nichts in der Wirklichkeit. Dabei hat Jesus seine wichtigsten Sätze nicht für den Klosterkonvent aufgesagt.

  Aber das öffentliche Friedensgebet des Papstes...

Drewermann: Diese kirchenimmanente Resignation ist für mich umso absurder - als man den Papst beim Friedensgebet in Assisi für den Frieden beten lässt -, während die Bischöfe vor Ort die kriegerischen Auseinandersetzungen in Afghanistan gutheißen. Das ist Öl auf Wasser und darin kann weder Fisch noch Vogel leben. Und das ist geistige Umweltverschmutzung. Wir lassen uns durch Trägheit oder Resignation offensichtlich alles bieten. Die unglaubliche Gewaltbereitschaft im Staat, in der Gesellschaft und in der Wirtschaft müssen wir aber endlich nach menschlichen Maßstäben durcharbeiten.

  An was arbeiten Sie derzeit?

Drewermann: Die Physik der vergangenen 30 Jahre kann zum ersten Mal begründete Antworten auf die Fragen des Anfangs und des Endes der Welt geben. Doch wie verhalten sich diese zu den theologischen Lehren? Darum geht es in einem neuen Buch über Kosmologie und Theologie mit dem Titel "Im Anfang." Nach Ostern wird es hoffentlich erscheinen.

Interview: Volker Rahn


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  "Offensichtlich gilt die Bergpredigt nichts. Dabei hat Jesus seine wichtigsten Sätze nicht für den Klosterkonvent aufgesagt."Foto: epd-bild
 
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