| Die Bibel verstehen (14): Kain und Abel
Von der Logik Gottes
Ich hätte gerne eine Erklärung zu Kains Brudermord 1. Mose 4. Warum wird Abels Tieropfer angenommen und warum wird Kains Opfer von seinen Feldfrüchten nicht angenommen? Von Kain ist kein schlechtes Leben bekannt. Kommt hier nicht die erste Ungerechtigkeit in die Welt, die Ausgangspunkt wird für Verbrechen? Frau H. aus M. "Abel ward ein Schäfer, Kain aber ward ein Ackermann", heißt es in 1. Mose 4, ohne Zusatz, ohne Erläuterungen, ohne "Weichteile". Eine knochentrockene Ausdrucksweise. In diesem zweigliedrigen Satz ist der Konflikt vorprogrammiert, der hernach folgt und der sich im Laufe der Menschheitsgeschichte in millionenfacher Neuauflage wiederholt. Menschen halten es nicht aus, dass andere Menschen anders sind. "A war Nomade, B aber war Bewohner des Kulturlandes." "C kam vom Dorf, D aber war Bürger der Stadt." "E war Eingeborener, F aber war Einwanderer." "G war Deutscher, H aber war Jude." "I war Palästinenser, J aber war Israeli", und wie die Konflikte alle heißen mögen. Alle beginnen sie damit, dass Menschen das Anderssein anderer nicht aushalten, und allemal suchen sie gewaltsame Lösungen für dieses Problem.
So gesehen sind Kain und Abel - wie so oft in der Bibel - keine historischen Figuren. Sie müssen nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt der Weltgeschichte nachweisbar gelebt haben, damit die Geschichte "wahr" ist. Kain und Abel sind "Mensch an sich", "typisch Mensch". Die Geschichte ist "wahr", weil sie damals geschehen konnte, wie sie heute geschieht. Die Geschichte von Kain und Abel. Ein Minimum von Wörtern. Keine schmückenden Beigaben. Keine Adjektive. Keine Nebensätze. Der unbekannte Autor dieser und anderer Urgeschichten aus dem Buch 1. Mose beherrscht die hohe Kunst der kurzen Sätze. Holzschnittartig sind seine Figuren. Mit Hilfe solcher scharf geschnittener Figuren kommt er auf die markantesten Probleme des Menschen, ja der Menschheit zu sprechen. So wie bei Kain und Abel, so ist es mit den Menschen. Es ist, wie es ist. Zwischen den Zeilen aber bleibt viel freier Raum, den Vorgängen nachzudenken und sie zu deuten. "Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an." Noch so ein Satz. Auch ohne Erläuterungen, ohne theologische Anmerkungen, ohne psychologische Erklärungen. Wieder kann der Leser zwischen die Zeilen des Satzes eigene Deutungen hinein- und herauslesen. Der Satz ist und bleibt trotzdem ein Rätsel. Und Gott ist in diesem Satz ein Rätsel, und er bleibt es bis zum heutigen Tage.
Ein dunkler, rätselhafter Gott, den alle Erklärungsversuche nicht verständlicher machen. "Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig", heißt es etliche Kapitel weiter in 2. Mose 33, und damit: "Wem ich nicht gnädig bin, dem bin ich nicht gnädig". Gott ist, der er ist. Punktum. "Ich bin, der ich bin", heißt es in 2. Mose 3. Und es folgt daraus auch für die unverständlichen Vorgänge unseres Lebens: Es ist, wie es ist. Rätselhaft. Und es bleibt rätselhaft bis zum heutigen Tage. Heute könnte es etwa heißen "A führte ein wüstes Leben und starb in hohem Alter einen sanften Tod. B aber lebte sein Leben sorgfältig und musste in jungen Jahren nach langem Leiden dahin."
Im Falle von Kain und Abel bekommen wir auch keine moralische Verstehenshilfe. Nichts ist erwähnt, was auf eine wie immer geartete Schuld im Vorleben des Kain hinweist. Das wäre die einleuchtendste Lösung. Er muss ja wohl irgendetwas Unrechtes getan haben. Hat er aber nicht. Sonst stünde es da. Zu unserer Entlastung beim Rätseln. Zur Entlastung Gottes, den wir doch gerne gegen den Vorwurf, er sei ungerecht, in Schutz nähmen.
Im Grunde enthält die Geschichte von Kain und Abel eine Variation über die Frage, die sich schon in der Geschichte vom Sündenfall stellt. Die ungelöste Frage, wie das Böse in die Welt kam. Wenn doch Gott gut ist und seine Schöpfung gut ist. "Und Gott sah, dass es gut war," heißt es mehrfach in der Schöpfungsgeschichte. Aber es gibt auf die Frage nach der Herkunft des Bösen keine schlüssigen Antworten. Die Schlange aus der Geschichte vom Sündenfall wird erst von späteren Generationen mit dem Teufel identifiziert. Die Figur des Satan, zunächst als Diener, später als Gegenspieler Gottes, taucht erst in späteren Texten des Alten Testamentes auf.
Im Urgestein der biblischen Überlieferung überrascht freilich eine Aussage beim Propheten Amos im 3. Kapitel, wenn auch in völlig anderer Situation gesprochen: "Ist auch ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht tue?" Es muss demnach Zeiten gegeben haben, in denen unsere Vorväter im Glauben auch das Böse aus der Hand Gottes zu nehmen wussten.
Zusammenfassend gesagt: Eine logische Erklärung für die Annahme des einen und die Ablehnung des anderen Opfers gibt es nicht. Der rätselhafte Gott dieser Geschichte bleibt rätselhaft. Und die Aufgabe des Glaubens bleibt, dieses Rätsel auszuhalten, sich vor der Größe Gottes zu verneigen und - mit den vielen weiteren Rätseln des Lebens versöhnt zu leben im Sinne des Hohen Liedes der Liebe. "Unser Wissen ist Stückwerk. Wenn aber das Vollkommene kommt, wird das Stückwerk aufhören...", heißt es in 1. Korinther 13. Rainer Gollwitzer
Zum nächsten Artikel
|